Splitternde Gedanken

Der Specht

Wie ward Dir Specht, so große Kraft!
Von Deinem Klopfen tönt der ganze Schaft
der hohlen Kiefer. Wär auch mir vergönnt,
daß ich die Menschen so durchdringen könnt.

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Im Garten ein eifriger junger Buntspecht, nichts holziges ist vor ihm sicher. Mein Artemisia-Busch gefällt ihm auch. Zwischendurch macht er die Schnarrtöne, die bei den Spechten als Sprache durchgehen. Nein, das klopfen und trommeln ist nicht ihre Sprache. Jedenfalls nicht nur. Was wissen wir schon.

Morgenstern starb bei Beginn des 1. Weltkriegs an Tuberkulose, meine Großmutter mochte ihn, wohl auch als Anthroposophen. „Wir fanden einen Pfad.“ Ja, da gibts noch mehr als die Galgenlieder! Ihr Bruder, mein Großonkel, Student der Theologie in Jena, starb in den letzten Tagen eines Krieges, zu dem er sich freiwillig gemeldet hatte. Meine Großmutter und ihre Freundinnen hungerten, weil die Soldaten an der Front ja auch litten. Die Goldabgabe für den Krieg, die Uhrkette meines Urgroßvaters, von der nur einige (die kleinsten) Kettenglieder übrig blieben.

Stadtmuseum Trier

Eine komplett durchmilitarisierte Gesellschaft. Können wir uns kaum mehr vorstellen. (Und nein, Deutschland war da nicht alleine.) Und alles mit juchheissa. Karl Liebknecht und die Kriegskredite. Er war nicht nur der einzige SPD-Abgeordnete, sondern überhaupt der einzige Reichstagsabgeordnete, der dagegen stimmte. Es ist sicher nicht falsch zu glauben, dass dieser Krieg ohne Geld nicht stattgefunden hätte ….

Gab es irgendwann in der jüngeren deutschen Geschichte mal eine Ordnung, in der die Menschen ohne Macht nicht wie Kinder behandelt wurden? Ich merke, wie ich derzeit immer mal Lust bekomme, zu pubertieren. Es fällt mir schon schwer, bei meiner erwachsenen Frau zu bleiben angesichts von Beschimpfungen, Drohungen, Erpressung und Manipulation rundum. Wie soll ich die Demokratie in meinem Herzen bewahren? Und wie soll ich sie im Außen erhalten, wenn es mir im Innen schon nicht gelingt? Sicher, auch dumme Menschen dürfen leben. Aber dürfen sie auch Macht haben? Oder im Netz herumschlurpsen? Wie toxisch darf ich mich benehmen, bis die Krankenkassen sagen: das zahlen wir jetzt aber nicht, für die Konsequenzen deines Handelns kommst du mal schön selber auf. Und die Solidargemeinschaft ruft, ja, ja, ja, alle Männer zahlen ab sofort die doppelten Versicherungsbeiträge, weil sie alle unmittelbar oder mittelbar in Gewaltstrukturen von pandemischen Ausmaßen verwickelt sind und es doch nur gerechtfertigt ist, wenn sie für die Schäden, die diese Gewalt verursacht, seien sie physisch oder psychisch, selbst aufkommen, zahlen, verantwortlich, verbrüdert ….. Na das sollte mal jemand im Ernst vorschlagen, da wär aber was los. Dass Menschen mit vermeidbaren Krankheiten zur Kasse gebeten werden könnten sollen dürfen, darf man aber zur Diskussion stellen. Allerdings möchte das Menschenbild, was am Grunde dieser Konstruktion lauert, wohl niemand haben. Da könnte ich ja nicht mehr schlafen. Obwohl ….. ?

Und das Land aus dem ich komme. Noch der unschuldigste Ausdruck eigener Gedanken und Gefühle konnte als staatsfeindliche Hetze erkannt und verfolgt werden. Die Jugendwerkhöfe waren voll von jungen Menschen deren einziges Verbrechen eine nicht ganz gelungene und unauffällige Pubertät war. Und die niemand beschützte.

Eine iranische Künstler-Kollegin sagt mir, dass die Frauen im Iran nur im Chor singen dürfen, nicht Solo. Ah, sag ich. Und wo im Koran steht das? Das steht da nicht, sagt sie. Das sagen halt die Mullahs. Ah ja.

Noch mal Morgenstern.

Sieh nicht, was andre tun,
der andern sind so viel,
du kommst nur in ein Spiel,
das nimmermehr wird ruhn.

Geh einfach Gottes Pfad,
laß nichts sonst Führer sein,
so gehst du recht und grad,
und gingst du ganz allein.




Verlange nichts von irgendwem,
laß jedermann sein Wesen,
du bist von irgendwelcher Fehm
zum Richter nicht erlesen.

Tu still dein Werk und gib der Welt
allein von deinem Frieden,
und hab dein Sach auf nichts gestellt
und niemanden hienieden.

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