Hinter der Wand, hinter der Zeit

In Schlangenlinien und Spiralen umkreise ich die Zeit. Die Nachrichten, die Vorschriften, die Meinungen, die Ängste und Entrüstungen. Führt Entrüstung eigentlich zu Ent-Rüstung, also dazu, dass ich meine Rüstung ablege? Dann wäre ja Raum und Beweglichkeit, um Impulse aufzunehmen ….

Wenn wir uns einig sind, dass das Coronavirus nicht das Thema ist, sondern ein Symptom – was ist dann das Thema? Sicher vor allem Sterben und Tod. Wir leben in Mitteleuropa und sind die meiste Zeit stolz darauf, kein magisches Weltbild zu haben wie all die anderen „primitiven Völker“ rundrum. Trotzdem ist Krankheit oder Tod für uns eine Art Unfall, ein unverständlicher und unnötiger Vorgang, an dem jemand oder etwas schuld sein muss. In Afrika ist das öfter mal die missgünstige Nachbarin, ein gelangweilter böser Geist oder eine Ahnin, die sich vernachlässigt fühlt – ev. auch der weiße Doktor. Wir hier hätten da im Angebot die ungesunde Lebensweise, die industrialisierte Welt, Mobilfunk oder Mikrowelle und natürlich Bill Gates, das Weltjudentum (heute: Die Eliten), den Feminismus, den Geist von Adolf Hitler und und und. Im Moment gibt es so unglaublich viele Schuldige, dass wirklich für alle was dabei ist.

Seit einem knappen Jahr beschäftigt mich die Frage – wie stirbt man eigentlich in diesem Land? Welche Möglichkeiten gibt es? Ist Sterbefasten erlaubt oder muss ich mir ein Multiorganversagen zulegen? Was kann ich als Sterbende, Sterbewillige oder Angehörige tun, um mit ÄrztInnen und Pflegepersonen gut zusammenzuarbeiten? Wenn es mich ins Krankenhaus oder eine Pflegeeinrichtung verschlagen hat. Aber das ZuhauseSterben ist ja wie die Hausgeburt eher nicht Standard. Immer wieder höre ich, dass Patientenverfügungen nicht gelesen werden bzw. mit den Kontaktpersonen nicht gesprochen wird. Ich selbst habe nur die besten Erfahrungen damit, als Angehörige offen auf Medizinmenschen zuzugehen und mit ihnen zu reden. Allerdings begegnet mir seit einigen Jahren an vielen Stellen zunehmend die Frage der Haftung. Wenn das Gespräch also komisch wird, dann kläre zuerst, dass du dein Gegenüber nicht in Grund und Boden klagen wirst, wenn deine Autonomiebestrebungen dich umbringen. 😉

Was bedeuten Sterben und Totsein für mich? Was brauche ich im Leben und im Sterben? Wie kann ich der eigenen Sterblichkeit lebendig begegnen? Diese Fragen können mir leider weder unsere Kanzlerin noch unser Gesundheitsminister oder sonstwer beantworten. Hm. Ein Song von Andre Heller, Nick Cave, Erika Pluhar oder Beth Gibbons könnte helfen. Oder ein Zwiegespräch mit Gott, der Göttin, meiner Katze oder meinem Klingelschild. Zeichen finden, Hinweise, Töne. Auf der Suche einen guten Weg gehen. Walk In Beauty. Aus Zweifel und Gewissheit drehe ich mir ein Halteseil. Das ist wahrscheinlich sogar besser als eine Antwort, die ja nur neue Fragen produziert.