Die Blickrichtung ändern

Wo ginge das besser als hier am Meer. Und seit mehr als 20 Jahren haben wir hier immer schönes Wetter. Zumindest das schönstmögliche. Die Wetter-App erzählt was von Regen, zack kommt Wind und macht Fenster in die Wolken. Hey hör zu, nicht alles auf der Welt funktioniert linear, auch wenn uns das die Technokraten immer gerne anders erzählen wollen. Die Sonne scheint. Wellen wie am Atlantik. Hey! Alles kommt und geht und kommt. Nix mit immer weiter, immer schneller und dann Kollaps. Ist Gott ein Herzpatient? Wohl kaum. Eher hätte ErSieEs Depressionen bekommen können, beim Anblick der komplett missratenen Schöpfung. Fundamentalisten aller Länder vereinigt euch bloß nicht. Dem ist dann nur noch mit der Sintflut beizukommen. Und die überleben leider auch die Gerechten nicht. Immer mal wieder erfasst mich eine Ahnung des kosmischen Gelächters rund um uns herum, was wir nicht hören, weil uns die Wahrnehmungsorgane dafür fehlen. Und unsere Überheblichkeit uns daran hindert, sie auszubilden. Noch vor 100 Jahren war mann ernsthaft am diskutieren, ob Frauen eine Seele haben = ob sie Menschen sind oder eher Tiere bzw. beweglicher Besitz. Ich freue mich auf den Tag, an dem wir die Sprache der Viren, Bakterien und anderen kleinen Völker verstehen und uns halb totlachen über eine Finanzwelt, in der mal mit den Nullen, dem Nichts und den Negativzinsen jongliert wurde. Mit bitteren und leidvollen Konsequenzen. Wie verrückt wir damals waren.

Wer die Wahl hat …

Ein Gespenst geht um in Deutschland, das Gespenst des Kommunismus. Der Wiedergänger, uhoahh. Die roten Socken, Enteignung, Diktatur, der Linksruck, der Linxextremismus gar. Es ist keine Leiche klapprig genug, um in diesem nennen wir es mal Wahlkampf an die Laterne oder in Fernsehstudios gehängt zu werden. Halten wir fest, dass letztendlich totalitäre Verlockungen vor keiner Ideologie haltmachen und der Splitter im Auge des/ der Anderen allemal größer ist als der Balken im eigenen. Im Moment erleben wir ja, dass die Freiheit schnell enden kann, auch ganz ohne Sozialismus. So, einmal alle Metaphern auf die Weide geführt, diese Plakate machen mich ganz kirre.

Ein wenig Trost in finsterer Nacht bietet DIE PARTEI. Die ich trotzdem nicht wähle.

Erntezeit

Ich stehe ratlos vor den aktuellen Diskussionen und Entscheidungen zu geimpft/ nicht geimpft. Sicher habe ich Solidarität mit unserem Gesundheitssystem, den Nichtraucher!nnen und den Angehörigen der medizinischen Berufe gezeigt, als ich 2019 aufhörte zu rauchen. Solidarität war aber nicht das Motiv. Die Bilder auf den Zigarettenpackungen haben mir dabei auch nicht geholfen. Ich fand halt, dass es jetzt genug war. Hm. Soweit man hört werden auch die Männer von den Wänden gekratzt, die sich durch eigenen Größenwahn in einen schweren Unfall gemotoradet haben. Und die Solidargemeinschaft zahlt die Reha. Wenn eine beleidigte Leberwurst seine ganze Familie auslöscht, ist das immer noch gerne ein „Familiendrama“, also eine/ seine persönliche Angelegenheit. Die therapeutische Aufarbeitung, sollte es Überlebende gegeben haben, bezahlt aber wieder, genau, die Solidargemeinschaft. Lohnabhängige Arbeit kann die Gesundheit gefährden. Selbstständige Arbeit auch ….. Halten wir fest: meine Impfung schützt MICH vor einem schweren Verlauf. Ich kann mich trotzdem infizieren, das Virus weitergeben und daran erkranken. Mein Urlaub in der Türkei oder sonstwo ist natürlich keineswegs unsolidarisch, obwohl er dafür sorgen kann, dass ich eine noch unbekannte Mutante mitbringe, die unter den Tests durchtaucht. Hm. Ich hatte schon immer ein getrübtes Verhältnis zu dem Wort Solidarität – meine DDR-Sozialisation hat mich gelernt [sic], dass alles, aber auch wirklich alles ausgehöhlt und von Sinn und Inhalt befreit werden kann. Man muss es nur lange genug wiederholen.

Ein pädagogisches Konzept, was auf der Konstruktion von Sündenböcken und dem publikumswirksamen Schwingen des Holzhammers basiert, ist keins. Was empfinden wir als moralisch richtiges oder verwerfliches Handeln? Und wieviel können wir eigentlich „richtig“ machen – guten Willen vorausgesetzt? Im achten Gebot heißt es ja nicht grundlos: „Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“. Nicht: „Du sollst nicht lügen“. War ja schon klar, dass das kein Mensch schafft. Was kann und darf ich an moralisch wertvollem Verhalten von DIR erwarten? Und was nicht? Warum schafft es die von mir gewählte Regierung nicht, mich als erwachsene Frau im Jahr 2021 in einer westlichen Demokratie anzusprechen? Fragen über Fragen.

Zum Ringheiligtum

Auf Pilgerfahrt – auch unsere innere Stärke braucht ab und an ein wenig Öl, Benzin natürlich und vielleicht einen neuen Scheibenwischer. Ich versuche meistens, mich selbst nicht schlechter zu behandeln als mein Auto. Grade sehe ich den passenden Film zu meinem Ausflug, über Neandertaler, Themenabend bei Alpha. Wir sollten unsere Vorfahren nicht für bekloppt halten, das sage ich ja immer wieder. Grade reden drei Frauen und kein Mann über die neuesten Erkenntnisse zur Neandertaler-Forschung. Zeychen und Wunder! Gestern also war ich am Ringheiligtum Pömmelte, Nähe Barby/ Schönebeck/ Magdeburg. Die Anlage ist Teil der „Himmelswege“ mit frühgeschichtlichen Fundorten in Sachsen-Anhalt. Sieht ein bisschen aus wie ein großer Indianerspielplatz, ist aber der Nachbau eines aus der Luft entdeckten und ausgegrabenen ringförmigen Kultplatzes.

Und natürlich ist so ein Platz auch in der Gegenwart ein guter Ort für Konzentration und Bündelung. Wir haben viel zu wenig kreisförmige Architektur. Die Außenwelt trat tatsächlich zurück und die anderen Besucher!nnen rannten nur durch und ließen mich in Frieden.

Und das Leben geht eigene Wege und lauert überall – Poesie und Leidenschaft sind eben unaufhaltsam. Ich weiß jetzt also, wo ich in ein Wespennest stechen könnte, wenn ich das denn mal wöllte.

Danach ging es ins Salzlandmuseum im Schönebecker Stadtteil Salzelmen. Bis 1967 wurde dort Salz gefördert. Das nahe Gradierwerk ist im Moment leider nur außen begehbar = die Inhalation ist geschlossen. Is ja klar, alles was unsere Lungen stärken und pflegen könnte, muss geschlossen bleiben – wir haben schließlich ein Virus zu bekämpfen, was die Lunge angreift. Da sieht man wieder, wie wichtig die Homöopathie ist – ein Impuls und eine winzige Dosis Wirkstoff ersetzt die Sache selbst! Ich lief also außen im Sprühnebel der wirklich imposanten Anlage einmal hin und einmal her und hielt auch die Hand ins Getröpfel, um die Sole zu kosten. Aufatmen. Ausatmen.

An der freien Luft

Schwalben, Stare, Kraniche, Hühnersuppe, Apfelkuchen, freundliche Katzen und freundliche Hunde, etwas geigen und rahmentrommeln. Lesen. Musik hören. Ein großes Loch in die Luft gucken. Alles in die Ferne rücken. Das hohe C und die drei G. Wir frotzelten mit den Kollegen herum, man müsse ein Stück schreiben – aber ja, was sollen 3 G schon an musikalischer Vielfalt hergeben. Ein Wurf wie ONE NOTE SAMBA gelingt ja nicht gleich wieder. Ein wilder Wolkenhimmel, Sonne, Wind, wieder Wolken und wieder Sonne. Ich träume alle Herausforderungen noch mal, so wie früher die längst abgelegten Prüfungen. Phhhhh. Atmen.

Leipziger Liedernächte

„Was für eine Nacht, so warm und geduldig… „ dichtete einst der Wecker. So wars gestern zum RecordReleasedConcert der „Folkländer“ im Grassi-Innenhof. Wir auf und hinter der Bühne und unser Publikum, viele Menschen, die ich lange nicht gesehen habe. Eine glückliche und dankbare Familie. Das ist jetzt nicht Standard …. 😉 genau genommen isses eher selten. Aber abseits von Panik, Stress, Zorn und Fatalismus gibt es auch den leisen Hauch – z.B. eben Dankbarkeit. Dafür, dass unsere Häuser nicht von einer Flut weggetragen wurden, dass Veranstaltungen zwischen Lockdowns, Verboten und Maßnahmen möglich sind. Dass wir nicht in Afghanistan leben. Dass ich als Frau im Jahr 2021 in Deutschland lebe. Dass heute heute ist. Da reißt sich dann auch eine eher spitzzüngige Person mal zusammen. Hihi.

Wenn wir dahin kämen, unsere Wirklichkeit nicht als selbstverständlich anzusehen, wer weiß, wie veränderlich sie dann würde. …. …. im Guten wie im Bösen.

Ich stehe noch mit Ben Sands zusammen, wir reden kurz über diese ganze unsägliche Situation und wie sehr wir alle solche Konzerte brauchen. Konzerte, wo es um mehr als Musik geht und wo auch mehr entsteht als Musik. „We need the spirit of music.“ sag ich. Ich hoffe, Ben schafft es gut zurück nach Irland.

Das Büchertarot spricht

Wie das geht? Einfach irgendein Buch an irgendeiner Stelle aufschlagen und laut lesen, worauf dein Blick als erstes fällt. Ich zitiere also Audre Lorde aus „Vertrauen, Kraft und Widerstand“. Ja stimmt, die Auswahl war schon voreingenommen. Aber auch Rosamunde Pilcher hat ihre Zeilen. Wir sind es, die den Worten Bedeutung geben. Nicht vergessen.

„Der Ort eurer Unterschiedlichkeit birgt die Sehnsucht nach eurer größten Macht und eurer tiefsten Verwundbarkeit. Es ist ein unauslöschlicher Bestandteil des Widerstandsarsenals eures Lebens. Wenn ihr zulasst, dass eure Unterschiede – welche auch immer es sein mögen – von einem aufgezwungenen Außen bestimmt werden, dann erfolgt die Definition immer zu eurem Nachteil. Denn sie orientiert sich gezwungenermaßen eher an den Anforderungen der Gesellschaft, in der ihr lebt, als an einer Übereinkunft zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und den Bedürfnissen der Menschen. Doch sobald du deine Unterschiedlichkeit anerkennst und herausfindest, wie und wofür du sie nutzen möchtest – eine Erforschung der kreativen Macht der Unterschiedlichkeit -, kannst du sie auf eine Zukunft richten, der wir uns alle, damit sie wahr werden kann, auf unsere ganz eigene Art verpflichtet fühlen müssen.“

open art lausitz Werenzhain 6.8.-8.8.21

Zurück von der Open Art Lausitz

Aus der Fülle einer wundervollen und erfolgreichen Arbeit zurück. Bewegung in Wahrnehmungsschnipseln, im Netz der roten Fäden, Kreativität und Kontrolle, der (scheinbaren) Widersprüche und der herrschenden Moral. Eine junge Kollegin schreibt: „Ich les jetzt Naomi Kleins „On Fire“ weiter und denke über unser elendes Los nach, an der Schwelle zum Weltenbrand zu leben.“ Zack ist es 1980 und ich sitze im Wehrkundeunterricht. Die Frage war ja nicht, ob der alles auslöschende Atomschlag kommt, sondern nur wann. Wann wird es draussen ein allerletztes Mal sehr sehr hell. Und was tue ich bis dahin, wo mein Leben doch eigentlich erst anfängt.

Bilder von unserer Licht- und Klangwerkstatt in Trebbus und der Performance auf dem Atelierhof Werenzhain. In der nächsten Zeit bereite ich weiteres Bild-, Ton- und Videomaterial auf.

Warum die Inzidenzen im Freistaat Sachsen so niedrig sind? Folgt man der aktuellen Logik, kann man munter Kausalitätsketten zusammenschwadronieren. Weil die Impfquote so niedrig ist. Weil sich die Bevölkerung schlagartig auf Durchschnittsalter 25 verjüngt hat. Weil im sächsischen „Bible Belt“ besondere Beziehungen zum lieben Gott gepflegt werden. Weil die Sächsinnen und Sachsen im vorigen Jahr so beschimpft worden sind, wegen ihrer Unvernunft, ihrer Regelverweigerung, ihrer AfD-Nähe, ihrer Überalterung besonders auf dem Land – da hatte das Virus direkt Erbarmen und sorgte zwischenzeitlich für ausgleichende Gerechtigkeit. Weil Ingeborg Freytag im Garten Artemisia Annua kultiviert. Und so weiter. Phhh.

Oder um Luisa Francia zu zitieren: „Nichts ist bescheuerter als die Manipulation einer falschverstandenen Wirklichkeit.“ 😂 Verschiedene Wirklichkeitsebenen zu berücksichtigen ist gar nicht unbedingt nötig, zumal wenn die Wahrnehmungsmöglichkeiten fehlen. Mitgefühl, Sachverstand und ein klarer Blick darauf, dass Angst, Panik und Schuldzuweisungen bestehende Traumata nur vertiefen, würde mir schon reichen.

Zwischen Elbe und Elster

In der alten Schule Trebbus arbeite ich grade mit Roswitha an unserer Performance zur OpenArtLausitz. Im ehemaligen kleinen Schulsaal steht mein kleines Mobilstudio und die komplette Livetechnik. Alle Maschinen blinken und machen was sie sollen, wenn auch des Öfteren mit gutem Zureden und kleinen Tricks und Workarounds. RoB hat gefühlt zwei Hände voll Projektoren am Start und eine wirklich bezaubernde und, soweit ich das beurteilen kann, bisher ungesehene Bildsprache gefunden. Ich hatte in der Stadtbibliothek Leipzig ein Buch über sorbische Musik ausgeliehen und hab grade eben ein Original in die Kiste gespielt. Nachdem ich vor Wochen schon eine Stunde sorbische Volksmusik auf YouTube hörte und danach etwas spielte, was sich durchaus original anhörte. Loops sortieren und neue einspielen und die Musik Gestalt annehmen lassen. Ich bin froh über unsere Gemeinschaft hier und die bruchlose Zusammenarbeit, direkt inspiriert vom Schöneberger Küchentisch, an dem schon so manche Welt aufgelöst und neu zusammengesetzt wurde. Zwischendurch segeln Konzertangebote für 2022 herein, die Sonne scheint und ich beschließe, die finsteren Lords dieser Erde in ihrer Finsternis, Unbarmherzigkeit und mitleidlosen Ignoranz einfach mal sitzen zu lassen. Mich beschäftigt, ob Widerstand als Energieform nicht auch Unterstützung ist. Wenn mein Feind sich von meiner Energie ernährt, muss er verhungern und aufgeben, wenn er keine Energie mehr von mir bekommt. Oder? Was ist, wenn der Feind nicht erreichbar, nicht greifbar, namenlos und ohne Bild ist? Bolsonaro selber holzt ja den Amazonasregenwald nicht ab. Hm. Keine Angst, ich werde mich bis zur Erleuchtung trotzdem weiter aufregen…. und Schönheit erschaffen. Schöne Musik, schöne Bilder, schöne Esstische, schöne Räume. Zu allem anderen habe ich kein Talent.

HEUTE 210721

Gestern und heute unterwegs im Vorbereitungsmodus für OpenArtLausitz. RoB meinte, das wäre so ein schönes Datum heute. Gestern Nacht musste ich drei Mücken erschlagen, bevor ich dann schlafen konnte…. phhhh.

Heute also an der F 60, Abraumförderbrücke und Bergbaudenkmal in der Lausitz. Gigantisch. Ich fand einen klingenden Zaun. Gestern warfen die Atelierhof-Frauen ungeordnet Steine in einen Container. Ich fürchte, es werden soviel Töne, dass ich zu unserer Performance am 6. August gar nicht alles verarbeiten kann. Egal. Ich bin dankbar für alle Erlebnisse und Erfahrungen im Moment! Für das vertiefte Hören und das vertiefte Nachdenken darüber, was ich eigentlich tue, wie genau das heißt, wer ich bin, woher ich komme und warum ich tue was ich tue und bin, die ich bin.

Auf das Leben, die Liebe und die Kunst – auf unsere Vielfalt, die überdauern wird.