Ein neues Jahr

Die Langfassung meiner Gedanken zu 2022. Ein seltsames Jahr ist vorbei. Schon lange beobachte ich, wie wenig Raum zwischen Hysterie und Ignoranz oft bleibt. Ein kraftraubendes HinUndHer, keine Zeit für nüchterne und sachliche Betrachtung, für ruhiges Abwägen aller Fakten. Für eine bekennend inklusiv/ integrativ arbeitende Person wie mich ist es eine Qual, psychologischen Tieffliegern bei der Arbeit zuzusehen. Werden sich aufgeregte und verängstigte Menschen beruhigen, wenn ich sie verspotte und beschimpfe und ihnen sage, dass ihre Aufregung vollkommen grundlos ist? Wohl kaum. Wenn ich mich im medialen Raum umschaue, sehe ich die Angst vor dem Tod. Die Angst vor der Bedeutungslosigkeit, vor dem Verschwinden, vor dem Machtverlust, der Auflösung und der Impotenz. Alle Zerstörer in der Geschichte haben zerstört, weil sie nicht in der Lage waren, etwas zu erschaffen. Leben, Schönheit, Heilung, liebevolle Berührung, ein gutes Essen, eine wirksame Musik, ein sauberes Kinderzimmer. Alle Tyrannen wurden irgendwann von ihrer Gefolgschaft verraten und alleingelassen, weil sich eben auch Loyalität und Unterstützung nicht mit Gewalt, Manipulation und Unbarmherzigkeit erzwingen lassen. Viren besiegen wollen – wie lächerlich. Was für ein sinnloser Krieg. Und wie fern jeder forschenden Vernunft. Wenn wir es hören könnten, das kosmische Gelächter der Wesen rundherum über uns Menschen muss grandios sein!

Ich wünsche uns allen die Kraft der Kreativität. Hineinfühlen in eine Situation, ein Material, einen Gedanken, einen Klang und sich ausdehnen in unbekannte Räume. Still, bewegungslos und aufmerksam die Inspiration/ den Impuls/ den Funken begrüßen und dann beherzt und unbeirrt zugreifen. Das Eigene wirksam verteidigen gegen Selbsterniedrigung und lieblose Beurteilung. Freundschaft, Loyalität und solidarisches Handeln im Herzen behalten. Den Kojotenkopf aufsetzen – tricksen, tarnen, verstecken, verwirren – um neue Erkenntnisse und neue Räume zu gewinnen. Sich zur Not auch mal selbst austricksen. Atmen und zulassen. Ehrgeiz ist ein Sport. Wandeln, wenden, transformieren, kämpfen. Lachen, in Spiralen tanzen, Haken schlagen. Und lösen/ loslassen, wenn es keinen Spaß mehr macht. 

Kojote ist der Trickster. Menschen (und Götter) mögen es gerne ordentlich, die Trickster bringen die Veränderung. Es gibt sie in allen Kulturen. Kojote, Rabe, Spinne, Reinecke Fuchs, Loki, Eshu/ Legba, Prometheus – sie bringen so nebenbei alles durcheinander und du weisst nie, ob sie es mit Absicht tun, oder einfach zu blöd sind, es richtig zu machen. Oft stolpern sie dabei noch über die eigenen Füsse. Kasper, Clown, Dummling, Eulenspiegel, Nasreddin, Schwejk, Mephisto sind kulturelle Verwandte. Provozieren, Grenzen übertreten, die Gestalt wandeln. GutBöse, KlugDoof, SowohlAlsAuch. Und nein, nett sind sie nicht, sie fressen auch kleine Kinder.

Na dann. Brich die Regel, wenn du musst. Die Kreativen werden überdauern.

Mut zum Übermut

Mein altes Jahr habe ich vorhin in der Ostsee mit einem Jauchzen dem immerhin 2 Grad warmen Wasser anvertraut. 🥶 (Luft waren 10) Heute früh zog ich den Kojoten aus den Krafttieren, während ich über den Kojoten in meiner Neujahrsmail schrieb, naja. Und was sagt er, na – dass das Alte sich erst auflösen und verabschieden muss, bevor das Neue sich entfalten kann und sichtbar wird. Phhh. Die Weichen sind gestellt, schauen wir mal. Vorsichtshalber habe ich trotzdem meine Ausstellung im Januar abgesagt und auch die Konzertlesung mit Mona Ragy Enayat im Februar. Wir werden alles morphen, verschieben, umplanen……… irgendwann. Ich bin ja nun zwar Künstlerin, aber nicht komplett bescheuert – mit viel Aufwand etwas vorbereiten, was nach aktuellem Stand nicht viele Chancen hat, stattfinden zu können … nein. Da übe ich lieber Rahmentrommel. Und freue mich an meinem Stipendium 😎

Alles Gute, Gesundheit und Mut!

„Niemandsland“ – Ingeborg Freytag Grafische Arbeiten 2016 – 2022


Keine Ahnung, wie es gehen wird, aber ich plane die Ausstellungseröffnung am 23. Januar 2022 um 16.00 in der Frauenkultur Leipzig. Wir brauchen neue Formate, soviel ist sicher. Ich arbeite daran, wenn ich nicht gerade verzweifle. Aus heutiger Sicht wird die Frauenkultur geschlossen sein und die mögliche Öffnung nur weitere Perspektivlosigkeiten zementieren. Ich liebe Zement. Wo’s passt.

Musik: Ingeborg Freytag und Nora Thiele

Worte: Mona Ragy Enayat 

„Raum erschaffen, dehnen, verteidigen – ihn loslassen und woanders neu erschaffen, ihn mitnehmen in die Freiheit der Bewegung und der Möglichkeiten. In die Heimatlosigkeit tauchen, zwischen den Grenzen sitzen, verschlossene Türen wahrnehmen und den Geist öffnen. Dem Ungeformten, dem Undefinierten, dem Haltlosen erlauben, da zu sein, ohne es zu verfolgen und zu umzingeln wie einen Feind, der gestellt und gefangen werden muss. Nicht aufhören zu fühlen. Verzweiflung und Hass, Schönheit und Mitgefühl. Nichts dauert für immer. Töne und Bilder geben Form und Halt. Und sie geben Auskunft über das, was fehlt. Töne und Bilder verwandeln, was ist. Neue Räume, neue Realitäten, neue Träume und neue Ideen entstehen. Aus Tönen werden Bilder werden Worte werden Töne. Aus den Trümmern des EntwederOder klettert das SowohlAlsAuch wie eine misstrauische Katze, die du mit sanften Worten lockst.“ (IF)

Zweifel und Gewissheit

Ja, ich muss mich grad sehr zusammennehmen, um nicht zu glauben, es wäre völlig sinnlos, hier etwas zu schreiben. Und nein, ich höre nicht auf zu arbeiten. Ich habe vor kurzem ein Stipendium erhalten und wenn es mir gelänge, einfach nur Künstlerin zu sein und alles andere direkt vor meiner Studiotür fallen zu lassen … hm, wäre prima, geht aber nicht. Ich tue das, was ich schon immer tue. Zuhören. Meine ganze Kindheit und Jugend sehe ich mich in den Künstlergarderoben (heute Backstage) „rückwärts aufm Stuhl mit der Lehne nach vorn“ sitzen und zuhören. Den Geschichten der ArtistInnen über die Klubs auf der Reeperbahn und den Straßenverkehr in Kairo. Den Erzählungen der Männer von Widerstand und bitteren Niederlagen „bei der Fahne“ (der NVA). Anekdoten über Parteisekretäre, die sich aufführten wie Gutsherren und doch vor dummdreisten Schwejkiaden regelmäßig kapitulieren mussten. Wie starben Werner Lamberz und Dean Reed? Wieso konnten wir einen einzelnen Wolf Biermann nicht ertragen und hierbehalten? Der tiefe Fall von O.F.Weidling und die ebenfalls ausreisenden Oldtimer von Manfred Krug. Alles wurde ausgewertet. Zuhören. Im Raucherzimmer der Hochschule, beim Trampen, vor dem Konzert, nach dem Konzert, beim Unterrichten, Malochern, SED-Funktionären, Stasispitzeln, Christenmenschen, Monarchisten, Anarchisten, Rockys, Jazzern, Jugendlichen, Alten und Kindern und Katzen und Spinnern. Damals, als ich noch Musiker war. Heute bin ich wieder Musiker, aber innen.

Wenn ich Bock hätte, depressiv zu werden, würde ich das jetzt direkt mal machen. Ich bin momentan wirklich jeden Tag einmal dankbar für meine robuste Grundausstattung. Ansonsten Vitamin C, Vitamin D, Atemübungen nachts um drei auf der Terasse, selbst hergestellte Artemisia Annua Tinktur, Johanniskraut Kapseln hochdosiert (ja, nur kurz und nur für die Balance). Aus Madagaskar brachte ich ein Limetten/ Honig/ Ingwer Rezept mit. Und ich halte mich möglichst fern von allen, die mir auf die Eier gehen wollen – auf alle 120000 oder wieviel ich davon nun noch habe. Und wenn an einem „meiner Orte“ auf einmal Birkenporling wächst, halte ich das immer noch für ein Zeichen, egal was irgendwer erzählt.

Der Tag ist nicht mehr fern, an dem unsere gesetzlichen Krankenkassen und unsere Gesundheitsversorgung, so wie wir sie kennen, Geschichte sind. Genaugenommen sind sie bereits Geschichte, nach allem was jetzt so gesagt und diskutiert werden darf. „Vermeidbare Krankheiten“ werden mindestens Selbstbeteiligung oder volle Kostenübernahme nach sich ziehen. Sag jetzt nicht, aber ich lebe doch ganz gesund, mir passiert doch nix. Wir werden wieder lernen, uns um uns und unsere Heilung selbst zu kümmern und Menschen zu finden, die uns beistehen. Und ansonsten haben wir entweder die Kohle für die Behandlung oder Glück im Unglück. In der Welt außerhalb Europas ist das eh Standard.

Atmen und wandeln

Die Anhängerinnen und Anhänger patriarchaler Ideologie sind nicht in der Lage, integrativ/inklusiv und kreativ zu denken und zu handeln. Das ist leider so. Und sie werden es nie können. Leider nein. Fische werden in absehbarer Zeit nicht auf Bäume klettern. Patriarchale Ideologie braucht Sündenböcke, Gewalt, Willkür, unlösbare Probleme und die eine einzige alternativlose Lösung. Wir haben bereits viele Möglichkeiten abgegeben, die Gierhälse, Schnappsäcke und Ehrabschneider dieser Welt entsprechend einzuhegen und ihr Treiben zu reglementieren. Umso niedlicher sind unsere Versuche, Krisen zu bewältigen, indem wir aufeinander, auf unseresgleichen, einschlagen. Patriarchale Ideologie/ Turbokapitalismus/ Neoliberalismus haben kein Interesse daran, sich um die Menschen zu kümmern. Am Ende hilft da auch mein Gehorsam und meine Anpassung nichts. Möglicherweise bin ich brauchbar, solange ich funktioniere, aber mein Gott, es gibt so viele wie mich.

Ehrlicherweise sollten wir den Feudalismus wieder einführen bzw. akzeptieren, dass wir ihn eigentlich nie überwunden haben. Auf meiner persönlichen „Liste der umzuträumenden alternativlosen Unumstößlichkeiten“ erscheint grade immer öfter die Frage, ob ich mich mit der Aushöhlung/ Sinnentleerung/ Sinnentstellung von Begriffen und Bezeichnungen zufriedengeben muss. Muss ich? Was ist der Inhalt eines Wortes? Kann er gestohlen werden? Sollen meine Worte nicht eigentlich meine Gefühle wiedergeben, eine Stimmung ausdrücken, Liebe und Zorn in einer Fassung halten oder mit klarem Geist eine Situation benennen, ohne sie schlecht- oder schönzureden?

Am Ufer des Haselbacher Sees

Gewalt in Wort, Schrift und Tat ist keine Lösung. Vernünftige Entscheidungen treffe ich nicht im Panikmodus. Dauerstress ohne Aussicht auf positive Veränderung oder ein absehbares Ende vergiftet Körper, Geist und Seele. Hingabe, Mitgefühl, Solidarität und 100% Hass-Verweigerungs-Quote sind das Gebot der Stunde. Neue staatliche Krankenhäuser mit vernünftigem Personalschlüssel und menschenwürdigen Arbeitszeiten für das Pflegepersonal – warum nicht. Riecht natürlich gleich wieder wie DDR/ Diktatur/ Stasi/ Furchtbar. Meine Theorie ist ja, dass solange der Ostblock existierte, der Kapitalist immer beweisen musste, dass er der bessere Sozialist ist. Schade eigentlich um den Ostblock, könnten wir jetzt gut gebrauchen. Aber vielleicht tun es ja die islamischen FundamentalistInnen auch. Obwohl „Dschihad“ wohl ursprünglich wie bei allen Kriegerphilosophien zuallererst bedeutete, den Feind im eigenen Herzen zu sehen und zu konfrontieren. Inshallah.

Aber egal jetzt, nicht ablenken, wir brauchen ja einen Feind, einen Widerpart, eine Reibungsfläche. Was du machst ist falsch, deswegen ist das, was ich mache richtig. Wärst du nicht falsch, wüsste ich ja nicht was richtig sein ist. Bitte geh nicht weg. Spiel mit mir.

Atmen. Tief atmen, nicht aufhören zu fühlen. Die Elemente um Hilfe bitten. Wasser reinigt und lehrt uns Bewegung, nichts Festes kann ihm wiederstehen. Der Luft/ dem Wind können wir alles anvertrauen, was wir nicht länger festhalten wollen. Feuer transformiert/ wandelt alles, was mit ihm in Kontakt kommt. Die Erde macht aus allem Kompost, auch aus dir, deinem Müll und deinen Feinden. Ankern und Halt finden in einem glücklichen Moment – wann war das, wo war das, wie genau hast du das Glück gespürt? Ruf dir Helferinnen und Helfer – Jesus, Durga, deine verstorbene Katze, deinen Lieblingsberg oder Oma Heidrun – alle meine Verwandten/ MITAKUYE OYASIN/ all my relations – sie helfen dir gern, wenn sie Zeit haben. 😉 Und: das Universum ist nicht moralisch. Ich verliere oder verwirke mein Recht auf Leben nicht, auch wenn ich mich komplett daneben benehme. Natürlich darf ich mich fragen, was Jesus dazu meint. Oder Durga. Oder die Katze. Aber auch sie teilen mir meine Würde, meine Ehre, meinen Wert nicht zu, noch können sie ihn mir entziehen. Ich habe alle Möglichkeiten, alle Angebote der Evolution zur Verfügung. Und die Möglichkeit auszuwählen. Ich bin ein Mensch. La corona de la creacion.

Rickys Proberaum in Tana/ Madagaskar

Lebenshilfe

… von der Bildkunst und -sammel KG. Ich höre PARNE GADJE, „Zigeunermusik“ von „Nicht-Zigeunern“. Ja, das darf man sagen. Ist nicht die beste stammesübergreifende Bezeichnung, aber Roma als Oberbegriff ist leider auch falsch und als Eigenbezeichnung nicht immer akzeptiert. Als Fremdbezeichnung schon gar nicht. Gitanos, Manouche, Jenische, Tatern, Sinti, Roma, Gitans, Gypsies, Kalé, Zsigany. Im Zweifel einfach nachfragen, wie du die betreffende Person nennen sollst, wenn du über sie sprichst.

Eine liebevolle Bastelarbeit – heute früh gesehen bei meinem Schrauber, ich lache jetzt noch Tränen. Mein technisches Verständnis orientiert sich genauso am Ausschlussverfahren, das klappt auch in der Regel. WD 40 und Tape helfen in der Tat bei fast allem, den Rest schaffen heisses Wasser und Seifenlauge. Mit Menschen is nich so einfach … Obwohl. Wenn die Technokraten so weiter marschieren, fangen wir vielleicht doch noch an, wie sie zu denken und zu fühlen. Es geht natürlich nicht um laut oder leise, an oder aus, eins oder null, richtig oder falsch. Jedenfalls wenn man kein Auto ist.

Und zwei Snips vom Berlin-Wochenende. Bessie Coleman war die erste African-American mit Pilotenschein, die erste Frau mit dem internationalen Pilotenschein und gründete eine Flugschule für Schwarze, damit die sich nicht mit denselben Hindernissen abquälen sollten wie sie selbst.

Und ganz blöd, aber lustig!

Unterwegs im Nirgendwo

„At the respective end of my realities, Goddess, you dreamed me anew.
Am jeweiligen Ende meiner Wirklichkeiten, Göttin, träumtest du mich neu.“
Alba J.

Was ich grade höre: Adam Bałdych Quintet , von seinem neuen Album „Poetry“. Ein junger polnischer Geiger.

Und Zbigniew Seifert. Auch ein polnischer Geiger, leider viel zu früh gestorben.

Ich schnuppere Berliner Luft, fange Töne an der Mauergedenkstätte und denke nach.

embrace the darkness!

Abseits von Hellotralala und wirklich gruseligen Plastik-Riesenspinnen in Vorgärten gibt es ja noch Samhain und den energetisch tiefsten Punkt im Jahr, weswegen gestern auch für manche Menschen Neujahr war. Ich habe gestern und vorgestern meine aktuellen Plätze besucht und siehe da, ich gehe in den Wald an einer Stelle, wo ich sonst herauskomme. Da ist auf einmal ein Schild. Was ich sonst nicht sehe, weil raus ist nicht dasselbe wie rein. (Ein Plädoyer für: Geh den Weg zurück den du gekommen bist, du findest völlig neue Orte.)

Naja. Was steht auf dem Schild: Am Höllenberg. Na prima, denk ich – die Hel, die Holle ( die Hölle), die Unterweltsgöttin zeigt dir sogar ein Schild! Ich hatte den Eindruck, dass in diesem Jahr ganz besonders viele Menschen ganz besonders stark spüren, wie die Grenzen zwischen den Welten dünn werden und unsere Ahnen, die Geister, ansprechbar und anwesend sind. Die Männer und Frauen die vor uns gelebt haben. Gearbeitet, geliebt, gestritten, gekämpft und einen Garten bestellt haben. Vielleicht dachten sie an uns, ihre Ur-Ur-Ur-Enkel!innen, vielleicht nicht. Ich lese grade „Kulturschock Madagaskar“. Immer wenn ich wo lese, dass der Animismus, die Ahnenverehrung, der Göttinnenkult oder was auch immer den Fortschritt verhindern, denke ich, hm, ist das jetzt gut oder schlecht?

Die Angehörigen der Six Nations, der großen Irokesennation und die Aborigines in Australien behaupten, wir müssten bis in die 7. Generation denken, wenn wir heute Entscheidungen treffen. Dazu ist nun weder der Turbokapitalismus, noch das Patriarchat oder der Neoliberalismus in der Lage. Ich fürchte, wir werden sie alle drei abschaffen müssen. Für den Anfang würde es reichen, ihnen unsere Unterstützung zu entziehen.

Mich erstaunt der quasi religiöse, ja fast fundamentalistische Umgang mit dem Impfstatus. Der Impfpass ist doch kein Kreuz, Weihwasserkessel oder Grigri, was man hochhält und dann verziehen sich die Dämonen. Entscheidend ist wie gut ich immunisiert bin. Nüchtern betrachtet kann dein Immunstatus „von Natur aus“ sehr gut sein oder trotz Impfung eher nicht so gut. Und alles mögliche dazwischen. Unsere individuelle Ausstattung ist verschieden, das gehört leider zu den oftmals bitteren Ungerechtigkeiten des Lebens. Schlechte Zähne haben nicht immer mit mangelnder Mundhygiene zu tun. Naja. Ich bin mir sicher, dass im Hintergrund gute Menschen acht Stunden am Tag fleißig daran arbeiten, belastbare Aussagen darüber zu bekommen, wieviele Antikörper, T-Zellen und was auch immer im Blut sein müssen, damit das/ ein Virus nicht überbordet. Und wie eine Test-Infrastruktur aussehen könnte. Und was wir alles noch für Studien brauchen, um besser zu verstehen. Die nächste Krise überlassen wir bitte nicht den Politiker!nnen, Journalist!nnen oder wer sonst am meisten brüllt.


Wie dichtete einst der Wecker: „Es sind nicht immer die Lauten stark, nur weil sie lautstark sind.“


Das eigentliche Problem ist doch, dass die Menschheit munter Wildtiere und ihre Lebensräume abmurkst und zerstört und also auch die Viren ihre Heimat verlieren. Demnächst taut ja der sibirische Permafrostboden – was dann klimagewandelt zum Vorschein kommt, möchte ich persönlich nicht so genau wissen. DAS sind die Konsequenzen, die wir tragen müssen.

Das Hören und Sehen soll mir nicht vergehen – vom Fürchten lernen will ich mich entfernen

Das kommt heraus, wenn sich die Angehörigen der künstlerischen Berufe mit Buchhaltung und Abschreibungen beschäftigen. Phhhh. Nun, reimen ist nicht die schlechteste Form, Wirklichkeit zu erschaffen. Vor paar Tagen saß ich mit Andreas Reimann, um Gemeinsames für 2022 zu planen und uns damit noch einmal zusammen auf eine Bühne zu hebeln. Da ist einer seit 60 Jahren mit äußerster Genauigkeit dabei, eine/ seine/ andere Wirklichkeit zu erschaffen bzw. neu zu beschreiben und zu beleuchten. Das lange Veröffentlichungsverbot in der DDR zwang ihn darüber hinaus, sich in der Zeitlosigkeit zu bewegen. So ist das meiste, was er je geschrieben hat, immer noch aktuell. Und bleibt es wohl auch. Wie hilfreich doch Zensur und Verbot wirken können. Ja, nicht bei allen, ich weiß.

Aber zurück zum Hören: im Moment Ulrike Haage, Erika Pluhar und Sabarmusik aus dem Senegal. Sehen: „Bilderbücher“ über die Göttinnentempel auf Malta und die Muldeklippen (in echt).

Am Rande des Lichtfestes in Leipzig

Beim StattLichtfest tauchte ein Flugblatt von 89 wieder auf, was ich fast vergessen hatte. Ob das „Lichtfest“ als Veranstaltung die Deutungshoheit über den 9. Oktober 1989 haben kann/ darf/ soll/ muss, ist sicher mit einem klaren NEIN zu beantworten – schlüge das doch allen Ideen und Taten von 89 direkt ins Gesicht. Es ging ja grade eben nicht um „von oben“ organisierte Ereignisse. „Ach komm ruhig rein!“, rief eine Freundin (aktiv im Neuen Forum) 1989 im September/ Oktober. „Wir schauen uns grad im ZDF an, was wir morgen machen werden!“ No comment.

Das Flugblatt vom 9. Oktober 1989 – erstmals taucht der Slogan auf: „Wir sind ein Volk!“ Der Hintergrund ist aber nicht der Wunsch nach Wiedervereinigung mit der BRD, sondern die Bitte um Friedfertigkeit in den eigenen Reihen und die Aufforderung an die Einsatzkräfte (Volkspolizei, BePo, Kampfgruppen usw.), sich jeder Gewalt zu enthalten. Die Idee war, dass wir alle lange nachfolgende Wunden/ Traumata davontragen werden, wenn wir uns darauf einlassen, um einer Sache willen zu töten, zu sterben oder beides.

Ich persönlich bin froh, weder das eine noch das andere und auch nicht beides erlebt zu haben. „Gewalt kann nicht das Zeichen einer neuen, besseren Gesellschaft sein.“ Wieviel Spott auch immer über die friedliche Revolution 1989 ausgeschüttet wurde. Wie oft habe ich in den letzten 30 Jahren gehört, ja das war doch gar keine Revolution, da is ja kein Blut geflossen und überhaupt. Ich weiss dann immer nicht, ob die Menschen die so sprechen, auch wissen, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen könnten. Dona nobis Pacem.

Ich stehe mit einem Aktivisten von 89 auf dem Augustusplatz zusammen, wir reden und frotzeln herum. Er sagt: „Als mein Nachbar anfing auf die Demos zu gehen, da wusste ich, es ist vorbei.“ Der Zeit voraus zu sein, ist wunderbar und lobenswert, aber eben oft nicht befriedigend.

Ich hatte dem StattLichtfest meine Gedenkmusik für den 9. Oktober 1989 zur Verfügung gestellt und es war mir eine Freude, meine Musik am 9. Oktober 2021 auf dem Nikolaikirchhof und dem Augustusplatz zu hören. Es gab einen Lautsprecher auf einem Fahradanhänger. So gefällt mir das. Mehr dezentrale Aktionen bitte. Hier noch mal zum Hören auf Soundcloud.

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