An der freien Luft

Schwalben, Stare, Kraniche, Hühnersuppe, Apfelkuchen, freundliche Katzen und freundliche Hunde, etwas geigen und rahmentrommeln. Lesen. Musik hören. Ein großes Loch in die Luft gucken. Alles in die Ferne rücken. Das hohe C und die drei G. Wir frotzelten mit den Kollegen herum, man müsse ein Stück schreiben – aber ja, was sollen 3 G schon an musikalischer Vielfalt hergeben. Ein Wurf wie ONE NOTE SAMBA gelingt ja nicht gleich wieder. Ein wilder Wolkenhimmel, Sonne, Wind, wieder Wolken und wieder Sonne. Ich träume alle Herausforderungen noch mal, so wie früher die längst abgelegten Prüfungen. Phhhhh. Atmen.

Leipziger Liedernächte

„Was für eine Nacht, so warm und geduldig… „ dichtete einst der Wecker. So wars gestern zum RecordReleasedConcert der „Folkländer“ im Grassi-Innenhof. Wir auf und hinter der Bühne und unser Publikum, viele Menschen, die ich lange nicht gesehen habe. Eine glückliche und dankbare Familie. Das ist jetzt nicht Standard …. 😉 genau genommen isses eher selten. Aber abseits von Panik, Stress, Zorn und Fatalismus gibt es auch den leisen Hauch – z.B. eben Dankbarkeit. Dafür, dass unsere Häuser nicht von einer Flut weggetragen wurden, dass Veranstaltungen zwischen Lockdowns, Verboten und Maßnahmen möglich sind. Dass wir nicht in Afghanistan leben. Dass ich als Frau im Jahr 2021 in Deutschland lebe. Dass heute heute ist. Da reißt sich dann auch eine eher spitzzüngige Person mal zusammen. Hihi.

Wenn wir dahin kämen, unsere Wirklichkeit nicht als selbstverständlich anzusehen, wer weiß, wie veränderlich sie dann würde. …. …. im Guten wie im Bösen.

Ich stehe noch mit Ben Sands zusammen, wir reden kurz über diese ganze unsägliche Situation und wie sehr wir alle solche Konzerte brauchen. Konzerte, wo es um mehr als Musik geht und wo auch mehr entsteht als Musik. „We need the spirit of music.“ sag ich. Ich hoffe, Ben schafft es gut zurück nach Irland.

Das Büchertarot spricht

Wie das geht? Einfach irgendein Buch an irgendeiner Stelle aufschlagen und laut lesen, worauf dein Blick als erstes fällt. Ich zitiere also Audre Lorde aus „Vertrauen, Kraft und Widerstand“. Ja stimmt, die Auswahl war schon voreingenommen. Aber auch Rosamunde Pilcher hat ihre Zeilen. Wir sind es, die den Worten Bedeutung geben. Nicht vergessen.

„Der Ort eurer Unterschiedlichkeit birgt die Sehnsucht nach eurer größten Macht und eurer tiefsten Verwundbarkeit. Es ist ein unauslöschlicher Bestandteil des Widerstandsarsenals eures Lebens. Wenn ihr zulasst, dass eure Unterschiede – welche auch immer es sein mögen – von einem aufgezwungenen Außen bestimmt werden, dann erfolgt die Definition immer zu eurem Nachteil. Denn sie orientiert sich gezwungenermaßen eher an den Anforderungen der Gesellschaft, in der ihr lebt, als an einer Übereinkunft zwischen den Anforderungen der Gesellschaft und den Bedürfnissen der Menschen. Doch sobald du deine Unterschiedlichkeit anerkennst und herausfindest, wie und wofür du sie nutzen möchtest – eine Erforschung der kreativen Macht der Unterschiedlichkeit -, kannst du sie auf eine Zukunft richten, der wir uns alle, damit sie wahr werden kann, auf unsere ganz eigene Art verpflichtet fühlen müssen.“

open art lausitz Werenzhain 6.8.-8.8.21

Zurück von der Open Art Lausitz

Aus der Fülle einer wundervollen und erfolgreichen Arbeit zurück. Bewegung in Wahrnehmungsschnipseln, im Netz der roten Fäden, Kreativität und Kontrolle, der (scheinbaren) Widersprüche und der herrschenden Moral. Eine junge Kollegin schreibt: „Ich les jetzt Naomi Kleins „On Fire“ weiter und denke über unser elendes Los nach, an der Schwelle zum Weltenbrand zu leben.“ Zack ist es 1980 und ich sitze im Wehrkundeunterricht. Die Frage war ja nicht, ob der alles auslöschende Atomschlag kommt, sondern nur wann. Wann wird es draussen ein allerletztes Mal sehr sehr hell. Und was tue ich bis dahin, wo mein Leben doch eigentlich erst anfängt.

Bilder von unserer Licht- und Klangwerkstatt in Trebbus und der Performance auf dem Atelierhof Werenzhain. In der nächsten Zeit bereite ich weiteres Bild-, Ton- und Videomaterial auf.

Warum die Inzidenzen im Freistaat Sachsen so niedrig sind? Folgt man der aktuellen Logik, kann man munter Kausalitätsketten zusammenschwadronieren. Weil die Impfquote so niedrig ist. Weil sich die Bevölkerung schlagartig auf Durchschnittsalter 25 verjüngt hat. Weil im sächsischen „Bible Belt“ besondere Beziehungen zum lieben Gott gepflegt werden. Weil die Sächsinnen und Sachsen im vorigen Jahr so beschimpft worden sind, wegen ihrer Unvernunft, ihrer Regelverweigerung, ihrer AfD-Nähe, ihrer Überalterung besonders auf dem Land – da hatte das Virus direkt Erbarmen und sorgte zwischenzeitlich für ausgleichende Gerechtigkeit. Weil Ingeborg Freytag im Garten Artemisia Annua kultiviert. Und so weiter. Phhh.

Oder um Luisa Francia zu zitieren: „Nichts ist bescheuerter als die Manipulation einer falschverstandenen Wirklichkeit.“ 😂 Verschiedene Wirklichkeitsebenen zu berücksichtigen ist gar nicht unbedingt nötig, zumal wenn die Wahrnehmungsmöglichkeiten fehlen. Mitgefühl, Sachverstand und ein klarer Blick darauf, dass Angst, Panik und Schuldzuweisungen bestehende Traumata nur vertiefen, würde mir schon reichen.