Licht- und Klangkunst

Auf Recherchereise unterwegs zu neuen Projekten mit einer langjährigen Berliner Künstlerfreundin, wir planen im ländlichen Brandenburg Bilder und Töne zu fangen – Solo, im Duo und gemeinsam mit EinwohnerInnen, Zugezogenen, KünstlerInnen, Interessierten. Daraus erschaffen wir im Sommer eine temporäre Licht- und Klanginstallation, die aus den gesammelten Bausteinen und dem JETZT live auf- und wieder abgebaut wird. Mich interessiert ja immer wieder/ immer weiter, wie ich das JETZT musikalisch/ künstlerisch wiedergeben kann. Ein Song, den ich vor 20 Jahren mal für Pojechaly geschrieben habe, kann das JETZT natürlich auch beschreiben (oft sogar ganz erstaunlich gut!), aber er entsteht natürlich nicht im JETZT und kann es nicht abbilden. So gesehen ist der Song von vor 20 Jahren ein Schatten der Vergangenheit. Und ich muss den Schatten mit eigenen Gefühlen aus dem JETZT und Erinnerungen (die damals JETZT waren) aufladen.

Zur Performance laden wir natürlich auch befreundete und verbundene KünstlerkollegInnen aller Genres ein, ich werde berichten, wenn es Termine gibt. Wie eine von mir geschätzte Autorin mal so schön schrieb:

„Es ist Zeit, die Welt umzuträumen.“

Ein bearbeitetes Foto eines bemalten Fensters von Ursula Bierther.

Führung und Zufall

Was ich grade höre/ sehe – Giovanna Marini

Vor vielen Jahren sah ich einen Porträtfilm über sie, ihre wegweisende Chorarbeit und ihr Lebenswerk, italienische Volksgesänge zu dokumentieren und aufzuführen. Dein Ich muss nicht in der Masse verschwinden oder sich bis zum Verschwinden anpassen, hier ist der Beweis! Überliefert sind in Italien tatsächlich auch Abweichungen von den korrekten Tonhöhen, die in den Noten (Gedächtnishilfen) entsprechend mit Pfeilen nach oben/ unten gekennzeichnet werden. Ich bin sicher, das gab es bei uns auch. Genauso wie ungerade Taktarten rund um uns herum lebendig sind und sicher nicht einfach so einen Bogen um Zentraleuropa machen.

Auf dem Weg in meine Arbeitsräume fand ich heute in einem Büchertauschregal Texte von Elsa Asenijeff. Ihr temporärer Lebensgefährte Max Klinger ist uns eher geläufig. Nun will es der Zufall, dass ich vor ein paar Tagen das Startnext- Crowdfunding einer Künstlerkollegin unterstützte, die einen Theaterabend zu Elsa, der Schriftstellerin und Feministin, plant. Wer also noch 5, 10, 37 oder 51 Euro übrig hat, kann sich eine Theaterkarte oder andere schöne Sachen kaufen. Einfach Geld schenken geht auch. Getreu dem Startnext-Motto „Die Zukunft gehört den Mutigen!“ „ELSA – UNDER THE INFLUENCE“

Soviel ist passiert. Die geplante „Osterruhe“ hat uns alle aufgewühlt. Die Rücknahme der Maßnahmen und die Entschuldigung der deutschen Kanzlerin auch. 2008 zum 50jährigen Lebenshilfe-Jubiläum saß ich auf der Bühne im Hof der Kulturbrauerei Berlin nur wenige Meter von Angela Merkel entfernt, während sie die Laudatio hielt. Ich fühlte eine klare, saubere Energie und das, was ich „protestantisches Arbeitsethos“ nenne. Das mag vielleicht etwas karg und reduziert sein, aber es ist nicht korrumpierbar. Diese Menschen sind treu. Einige von ihnen sind meine guten FreundInnen.

„Da zieh ich den Hut“, hätten meine ArtistenKollegInnen gesagt. In diesem Sinne, Chapeau, Angela!

Im Atelier …

… von einer Künstlerfreundin. Bulgarisches Essen, Theodosii Spassov, Goran Bregović und wir reden über Pinsel, Maltechniken, Gesundheit und Geld. Zwischendurch recken wir uns in die Musik hinein zum Brust-Shimmy. Ein Fingerschnipsen lässt die Welt vor dem Fenster verschwinden.

Ein zweites Fingerschnipsen erschafft die Welt neu. Die Kreativen werden überdauern. Soviel ist sicher. Wir schauen die Welt an und erschaffen Haltung, Maß und Sinn in unserem Inneren. So machen wir uns die Welt zu eigen und speisen unser eigenes zurück in die Welt. Einatmen – ausatmen – geben – nehmen – geben. Zwischendurch lachen, weil künstlerisch arbeiten so ein komischer Vorgang ist. Was erschaffen wollen ist schön, aber zuviel Wille bremst. Ganz ohne Willen geht es aber eben auch nicht.

Zwischenzeit

Grade vergeht die Zeit nicht, dass ist besonders seltsam, weil ich so oft das Gefühl habe, dass sie rennt. Eben noch Weihnachten, zack ist Ostern. Und Männer werden zu Hasen. Wer weiß. Wenn alles fertig ist vor dem Konzert und man wartet auf den Beginn um acht, ist es ja auch stundenlang dreiviertel acht. Ich wollte heute lesen, was in Sachsen ab 8. März in Sachen Corona gilt. Verstand nichts und hab es gelassen. Dazu noch alle Extrabestimmungen der Landkreise und Städte. Phhhhh. Ich finde Förderalismus prima, aber vor Kleinstaaterei hat uns Bruder Heinrich Heine schon vor langer Zeit nachdrücklich gewarnt.

Aus Patti Smith „Im Jahr des Affen“: „Ich widmete mich der Hausarbeit und pfiff eine lange vergessene Melodie, in der Gewissheit, dass wir uns wie die Jahreszeiten durchsetzen und dass zehntausend Jahre nur ein Blinzeln im Auge eines Planetenrings sind, oder dem eines Erzengels, bewaffnet mit einem gläsernen Schwert.“

Zuhause in der Fremde

Am Leipziger Labyrinth.

Heute mit Künstlerkolleginnen, telefonisch und persönlich. Konzentration auf die Kunst. Die Strategien ähneln sich. Homestudio statt Homeoffice. Räume verwandeln, Autohäuser werden zu Bühnen – geflügelte Fahrräder und singende Eisenträger.

Wir redeten und frotzelten über meine Vermutung, dass das hier grade so eine Art großes Wessi-Empathie-Training ist. Was sind die Menschen in Ostdeutschland nach 89 verspottet worden, weil sie den Systemwechsel nicht so schnell, so elegant, so klaglos hinbekommen haben. Nun können mal alle nachprüfen wie es ist, wenn von einem Tag auf den anderen nix mehr so ist wie es war. Wenn trauern über das Verlorene nicht erlaubt ist und man nicht zornig sein darf über Entscheidungen, die man für falsch hält. Und dann leg mal noch nen schicken Move hin und erfinde dein Leben einfach neu. Hm.

Wir lesen wieder zwischen den Zeilen, wir tun unsere Sachen und bieten möglichst wenig Angriffsfläche, wir lernen, die Spitzel, die Ängstlichen, die Machtgeilen, die Dummen und die Funktionäre zu erkennen, wenn wir sie sehen und wir suchen unser Maß, unser persönliches Maß aller Dinge, unsere Verantwortung und unsere Verbündeten in einer undurchschaubaren Situation. Wir redeten heute so darüber und fanden uns alle gut gerüstet durch unser Ostsozialisation. Schön lockerbleiben. Natürlich ist auch die Krankheit/ Infektion real – der Klassenfeind war es ja auch. Wir sind mit der permanenten Bedrohung eines Atomschlags oder einer anderen irrationalen Handlung einer der beiden hochgerüsteten Supermächte aufgewachsen. Nicht schön, wenn man 12 ist oder 14 und feststellt, dass man morgen sterben kann, weil irgendein Idiot den roten Knopf drückt. Oder weil Luft und Wasser so vergiftet sind, dass du das Gift riechen und schmecken und sehen kannst. Was das betrifft, hat sich meine Welt durchaus zum besseren verändert. Vieles verändert sich, wenn man das Falsche sein lässt. Das reicht auch erstmal, solange man nicht weiß, was richtig ist.

In Subsahara sterben noch heute die meisten Menschen an der Luftverschmutzung und Trinkwasser, was keins ist.

Im Nebel

Auf der Rückfahrt vorgestern. Was für ein Bild der Gegenwart. Direkt daneben fand ich einen abgebrochenen Riesenast, übersät mit Misteln. Die heilige Pflanze meiner Namensgeberin.

Eben grade dem Antragsgestrüpp entronnen. Nebenbei formen sich Zukunftsvisionen. Das Gebrüll von allen Seiten stört meine Konzentration. Noch nie in meinem Leben habe ich soviel Nachrichten/ Informationen geschaut/ gehört oder sie aktiv NICHT geschaut/ gehört. Ich überlege grade, ob es eine Informationspflicht gibt, also ob ich mich über die aktuellen viralen Entwicklungen informieren MUSS. Wahrscheinlich nicht, oder?

Ein Künstlerkollege formulierte so schön: „Den vertrauten Umgang mit dem Unberechenbaren waren wir ja gewöhnt. Nun ist selbst das Unberechenbare unberechenbar geworden.“

Es ist nicht so, das ich nebelhaft unklare Zustände mag. Aber es wäre gut, wenn wir dem Neuen, was da kommen will, Raum geben, sich zu manifestieren. Dann wissen wir mehr. Erst dann.

Sicher auf der Erde

Ich staune schon lange und immer wieder, wie schnell ich zufrieden und heiter bin nach wenigen Metern in der Natur. In dieser Zwischenzeit ist es draußen besonders. Der Schnee ist weg und das neue Grün noch nicht da. Großes Innehalten in Erwartung. Ein eifriger Specht, ein ächzender Baum und zack springt mir ein Lochstein in die Hand. Wer weiß, wie der hier hergekommen ist.