Fenster in die Zeit

Mich beschäftigen die Möglichkeiten oder auch Unmöglichkeiten, mich zu beteiligen an dem was geschieht. In a good way. Wenn ein Song die Wahrnehmung verändert, verändert er die Welt. Das ist wohl so. Auch wenn viele was anderes behaupten und/ oder glauben.

Foto von Eckhart Ischebeck

„Im Schatten der Zeit – unserer Zeit – leben wir Menschen. Alle. Jeder im Schatten der seinen. Sich dessen bewusst zu werden und herauszufinden, wie und wo man in der Lage sein könnte, oder sein müsste, diesen Schatten aufzuheben, um in das Licht des Erkennens, gar der Erkenntnis zu geraten, will mir als eine der Sinnhaftigkeiten unseres Erdenlebens erscheinen. Aber auch als eine, die wir gern und zu allen Zeiten mit Gedankenlosigkeit zuschütten.“ Erika Pluhar (Schauspielerin, Sängerin, Autorin)

Wo ist ein Bob Dylan, eine Joan Baez, wo ist ein Willy Brandt, ein Stanislaw Petrow, wo sind die, die zum Frieden raten und Frieden stiften, vom Frieden singen und uns erinnern.

„Wo sind sie geblieben, was denken sie heute, die da schworen vor 40 Jahrn: Nie wieder fassen wir Waffen an, lieber trocken Brot unser Leben lang.“ Das schrieb ich als Text (und Musik) in einen Song 1989, nachdem ein junger Mann bei einem Manöver mitten im „Frieden“ von einem Panzer überrollt wurde und starb. Ach eigentlich will ich nicht mehr reden. Zumindest heute nicht. Morgen fahre ich zum Rudolstadtfestival. MusikMusikMusikMusik. Auch da werden sich Fenster öffnen. Ja.

Mein 50jähriges Bühnenjubiläum

Es hat natürlich auch ein Datum. Am 7. 7. 1972, mit 6 Jahren und 11 Monaten, hatte ich meinen ersten großen Auftritt als Solistin, beim Pressefest in Gera. Pressefeste waren alljährlich stattfindende und für damalige Verhältnisse gigantische Freiluftveranstaltungen mit vielen KünstlerInnen und den damals noch üblichen großen Orchestern bzw. Bigbands. Ich stehe da mit dem „Großen Unterhaltungsorchester Halle“ unter Erich Donnerhack. Er war selbst Geiger und gründete nach dem Krieg und seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft zunächst in Leipzig das „Rundfunk-Unterhaltungs-Orchester Erich Donnerhack“, in dessen Konzerten z.B. Heinz Quermann, Lutz Jahoda und Fred Frohberg ihre Karriere begannen.

Mein Vater Wolfgang war von 1967 bis 1970 Solobratscher bei Donnerhack im Hallenser Orchester. So gab es den Kontakt und er schlug der Konzert- und Gastspieldirektion Gera (der staatlichen Künstlervermittlung) meinen Auftritt vor.

Natürlich (!) war ich gebrieft, dass das natürlich (!) trotz der Country-Attitüde kein „Cowboylied“ ist, wie ich es dem Redakteur der Zeitung „Volkswacht“ sagte (von wegen westlicher Kultur und Dekadenz). Aber ich war ja noch nicht mal sieben und so gab es nur einen kurzen und folgenlosen Wirbel deswegen. Ach ja, das waren Zeiten.

Eins meiner Lieblingsstücke aus diesen Tagen ist das Andantino aus „Bilder der Kindheit“ des sowjetisch-armenischen Komponisten Aram Chatschaturjan. Das ist der mit dem Säbeltanz (aus dem Ballett „Gayaneh“). Gabs dann später nochmal in Kubricks „Odyssee im Weltraum“. Vielleicht wurzelt meine Verbundenheit mit der Musik des Kaukasus in diesem Klavierstück von einem Mann, der selbst mit georgischer, armenischer und aserbaidschanischer Musik aufwuchs. Wer weiß. Die Formalismus-Anklage (antisowjetische Tendenzen in seinen Kompositionen) blieb ihm nicht erspart. Die Leute, die ihm (und Schostakowitsch und Prokowjew und und) das vorgeworfen haben, sind heute zu Recht vergessen.

Kürzlich durfte Schostakowitschs „Leningrader Sinfonie“ nicht aufgeführt werden. Musik von einem Russen. Phhhh. Grade denke ich, ob Vergessen nicht auch eine gute Strategie ist. Davor haben die Kriegstreiber, Spalter, Todessüchtigen und Machtbesessenen dieses Planeten mit Sicherheit die meiste Angst. Dass sich niemand ihrer erinnern wird.

Aus meiner Sicht hat das mit der großen künstlerischen Laufbahn durchaus funktioniert. Ich habe soviel gemacht in den letzten 50 Jahren, wenn ich drüber nachdenke, kann ich es selbst kaum glauben.

Am 7. 7. 2022 reise ich zum Rudolstadtfestival, gebe am 8. einen Bodymusic-Workshop und spiele das ganze Wochenende mit der Folkstanzjubelband zum Tanz. Neben unfassbar vielen anderen Projekten, die rund um dieses Datum auch eine Rolle hätten spielen können, finde ich die Auswahl, die das Schicksal für mich getroffen hat, absolut angemessen.

Und aus der Rubrik „Musik und Politik“ – Ingeborg und die FRIEDENSSTATUE.

Wunder gibt es immer wieder

Heute oder morgen. Und sie geschehen wirklich. Mein Kollege Franz hatte gestern seine Kontrabassbögen im Futteral vor der Abfahrt aufs Autodach gelegt. So ein Autodach ist tückisch. Jedenfalls kamen die Bögen nicht mit ihm am Ziel an, sondern fielen vorher herunter. Er fuhr danach die Strecke viele Male ab. Nix.

Heute ging seine Gefährtin noch mal los und fand die Finderin der Bögen. The Humming Trees hatten ja gestern Konzert und Jörg und ich hatten schon erklärt, dass die Bögen zurückkommen. Niemand kann damit wirklich was anfangen. Jeder, der das Gefundene verkaufen will, steht vor dem Problem wie wo wann. Wir spielten schöne zwei Stunden Musik und vergaßen alles. Ich rief meine liebste Göttin. Beten hilft. Aussichtslose Situationen werden vielleicht nicht sofort bearbeitet. Damit muss man rechnen. Aber manchmal gehts auch fix. In diesem Sinne: Es gibt eine zweite dritte vierte Ebene, die sich unserer Manipulation entzieht. Punkt.

Beim Folkstanzvolk

Schön war es gestern im Lindensaal zu Markkleeberg. Viel Folkstanzvolk hatte sich versammelt, um gemeinsam tanzend 40 Jahre Tanzgruppe “Kreuz & Square“ zu feiern. Natürlich mit unserer eigens gegründeten Folkstanzjubelband. Schon zur Probe am Nachmittag floss mir der Schweiss in Bächen vor Konzentration, die Hitze tat ein übriges. Irgendwie konnte ich die Schönheit des Abends erst am Ende richtig schätzen, nachdem es gelungen war, den Karren ohne grössere Radbrüche durch die Stücke zu lenken. Wir haben halt als Band keine Routine, im musikalischen Miteinander nicht, im Deuten unserer Zeichen und Signale nicht, im Austausch mit der Tanzmeisterin nicht und als Tanzbegleitung eben auch nicht. Hat höchstwahrscheinlich ausser mir niemand gemerkt 😉

Eva Sollich war da, die grosse alte Dame der DDR- Volkstanzszene, sie schenkte uns einen Strauss Rosen, bewegende Worte und eine Dankeskarte. Ja, ich bin gerne Teil dieser Tradition. Meine Grossmutter schrieb Musiken für Volkstänze, mein Vater tanzte als Junge in einer Gruppe und folgerichtig hab ich dann meine deutsche Herkunft bei den Bierfiedlern und den Leipziger Folksessions bearbeitet. Ich fand das hilfreich für die weitere künstlerische Auseinandersetzung mit aussereuropäischen Kulturen.

Soweit ich hörte, bin ich gestern vor allem als Sängerin angekommen. War wohl für viele eine Überraschung. Vielleicht sollte ich diesen Teil meiner Möglichkeiten etwas offensiver präsentieren. Mal schauen.

Was ich grade lese

Patti Smith „Just Kids“ – die Geschichte der Freundschaft/ Liebe/ künstlerischen Partnerschaft zu/ mit Robert Mapplethorpe. Ihr Leben als sehr junge Frau im New York der 60er und 70er. Wie sie zu schreiben begann und (den singenden Dichter Jim Morrison als Inspiration) eine Sängerin und Rockmusikerin wurde.

Texte von Audre Lorde „Vertrauen, Kraft und Widerstand“ (herausgegeben von AnochK Ibacka Valiente) – „Liebe zwischen Frauen ist besonders und kraftvoll, denn wir mussten lieben, um leben zu können. Liebe ist unser Überleben gewesen.“

Ulrike Guérot „Wer schweigt, stimmt zu“ – grade wollte ich es kaufen, schwups bekomm ich es geschenkt. Ein paar kluge Gedanken über unseren Umgang mit vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Krisen. Dass man eine Frau im öffentlich-rechtlichen Fernsehen niederreden darf wie in der allerletzten RTL-Mobbing-Sendung dürfte doch einige ZuschauerInnen ermuntert haben, sich dafür zu interessieren, was Ulrike Guérot zu sagen hat, wenn sie niemand ständig unterbricht.

Bianca Ely (Hg.) „Wie war das für euch? Die 3te Generation Ost im Gespräch mit ihren Eltern“ – die Jahrgänge der 1975-1985 in der DDR Geborenen fragen nach, wollen wissen, was das für ein Land war und wie man darin lebte. Ein Plädoyer für mehr Gespräche zwischen den Generationen. Herkunft, Wurzeln, Sozialisation und die Zwischenräume, das nicht Fassbare, das „was rumort“ spielen eine Rolle für das Leben im Hier und Jetzt. Wenn die Erwachsenen in einer Umbruchsituation/ in einer Krise überfordert, abwesend und sprachlos waren/ sind, ist das verständlich. Es sollte nur nicht bis in alle Ewigkeit selbstverständliche Normalität sein.

Wäre gut, wenn wir zügig beginnen würden, die Folgen der pandemisch inspirierten Maßnahmen, Ereignisse und Verwerfungen in Politik und Gesellschaft entsprechend offenzulegen und aufzuarbeiten.

Schild an einem Gartenzaun in Ostdeutschland 2022

Und: Thomas Oberender „Empowerment Ost“!

„Thomas Oberender legt die verblüffende Andersartigkeit der Wahrnehmung unserer jüngeren Geschichte in Ost und Westdeutschland offen. Er analysiert den sogenannten »Aufbau Ost« und beschreibt die Revolution der ostdeutschen Bürgerbewegung als eine radikale Demokratieerfahrung, frappierend visionär und realistisch zugleich. Ein Vorläufer des politischen Aktivismus von heute. Empowerment Ost ist ein Kompass für eine Wiedervereinigung auf Augenhöhe und ein begeisternder Aufruf für die Möglichkeit einer anderen Zivilgesellschaft.“

Der Himmel über Leipzig

Verorten und Verwurzeln

Das funktioniert immer am besten, wenn ich zu Plätzen meiner Kindheit reise. Wieder mal der Solewasser-Vitalpark = Solefreibad in Bad Frankenhausen. Mit gut gewässerten Wurzeln und nachdem ich vor lauter Begeisterung gleich meinen Schrankschlüssel im Wasser verloren hatte, ging es zur Elisabeth-Quelle (die vor allem die Kyffhäusertherme mit Sole versorgt) und danach auf ins Panoramamuseum. Wenn ich zwischendurch mal kurz an der Sinnhaftigkeit meines künstlerischen Tuns zweifle, setze ich mich gern zu Tübke. 11 Jahre hat er an diesem Monumentalbild gearbeitet und es 1987 vollendet. Ja, es war möglich, aus der DDR auszutreten und etwas zu erschaffen, was auch einen Staat überlebt. Ich saß eine halbe Stunde in der Stille und dem leisen Geflüster der (wenigen) anderen BesucherInnen. Ist doch egal, wie lange es dauert, sagt das Bild. Mach einfach.

Dann weiter zu meiner Rahmentrommelmeisterin und ein paar ihrer erhellenden Unterweisungen. Die nicht nur im Kopf, sondern auch in den Händen Licht anmachen. Erkenntnisse gewinnen und ihnen erlauben, sich zu manifestieren, zu materialisieren, zu verkörpern. Damit ist auf spiritueller Ebene alles geklärt – der Rest ist Zeit, Geduld und Training. Naja. Fuchs steh mir bei!

Zurück vom „improhazard“

Ein großes glückliches Familientreffen zum „Festival improvisierter Musik“ in der sächsischen Provinz mit Anreisen bis zu 600 km und neuen Ausblicken für die regionalen Improscenes. Vergangene AHA-Erlebnisse und Initiationen wurden geteilt, Micha Breitenbach bewies uns allen, dass er nicht nur ein begnadeter Sopransaxofonist sondern auch ein ebenso begnadeter Vegan-Koch ist. Und natürlich Musik, Bier, Gespräche und persönliche Präsenz. Die Hofkatzen taten ihr Bestes, uns durcheinander zu bringen.

Ich nahm nach kurzem Nachdenken nur Geige und Toni mit – gute Entscheidung, es waren ausreichend Blinkelämpchen vor Ort. Musik ist unsere Sprache. Über alle Grenzen hinweg.

Gestern früh kurzes Telefonat mit Madagaskar, irgendwie kann ich mit Ricky immer wieder völlig unmotiviert in schallendes Gelächter ausbrechen. Ich glaube, wir waren grade bei dem Thema, wie verrückt alles um uns rum ist und dass das einzig Reale unsere Proberäume sind. Oder so.

Ich möchte gerne den Warschauer Pakt neu gründen, damit die NATO wieder einen realen Feind und nicht nur eine Projektionsebene hat. Irgendwie ist mir das 30 Jahre nicht aufgefallen, dass es immer noch ein Verteidigungsbündnis gegen, ja …. nun …. gegen was gibt? Die Sowjetunion hat nach dem Herbst 1989 alle Truppen und auch die atomwaffenbestückten Mittelstreckenraketen aus Ostdeutschland abgezogen. Und auch aus der Ukraine (z.B.). Die USA hat was abgezogen?

Projektionen sind an sich kein Unglück. Natürlich darf ich an meinem Küchentisch vor mich hin projizieren – das ist in vielen Fällen einfacher, als mal über sich nachzudenken und den Feind im eigenen Herzen zu erkennen. Manchmal geht das eben nicht. Da bin ich voll Sufi. Aber, die Sache ändert sich, sobald ich Entscheidungsträgerin und Machthaberin bin.

Ich bin unter Ronald Reagan aufgewachsen. Für den war die Sowjetunion das Reich des Bösen! Nicht im übertragenen Sinne, sondern ganz und gar buchstäblich! Das prägt. Und macht einen gewaltigen Unterschied bei ostdeutscher oder westdeutscher Sozialisation. Wir hier brauchen unseren Zugang zur Welt als Ostdeutsche und Osteuropäer!nnen. Und, soweit gehe ich —- die Welt braucht ihn auch. Wir wissen um den Schmerz, nicht wirklich deutsch, nicht wirklich europäisch zu sein. Wir wissen, wie Geschichte(n) unerzählt bleibt. Wir wissen, wie komplexe Situationen auf leichtverdauliche Eindimensionalitäten heruntergebrochen werden. Wir wissen, wie es sich anfühlt, wenn unsere Mitmenschen glauben, wir wären indoktriniert/ aufgehetzt/ asozial/ Feinde des Sozialismus (= der guten Sache). Wir wissen, wie schwer es ist, zu verzeihen. Bespitzelung, Zerstörung persönlicher und beruflicher Beziehungen, Schweigen, Angst. Angst, nicht vor dem Gefängnis oder dem Tod. Nein, Angst vor der gesellschaftlichen und sozialen Ächtung. Wir wissen, wie komplex und kompliziert ein Systemwechsel ist. Und wir wissen, wieviel Wut entsteht, wenn du dabei nicht mit deiner ganzen Persönlichkeit/ Präsenz/ Schöpferkraft anwesend sein darfst, weil es schlicht niemanden interessiert. Und wenn du endlich deine Wut in Trauer verwandelt hast, dann bist du ein undankbarer Jammer-Ossi. Nun, 30 Jahre später, ist es Zeit für neue Allianzen. Solidarität, Mitgefühl und aufrechten Gang.

Die aktuellen Reaktionen auf den Feind Covid oder Putin sind nicht wirklich überraschend. Ich hätte mir gewünscht, dass ich das NachObenTreiben der totalitären Sedimente in diesem Leben nicht noch einmal erfahren muss. Nun, IHR seht mich wach.

Neuer Folkletter für Leipzig und überall

Mit Empfehlungen zum Hören, Singen, Spielen und Tanzen (Folk/Welt/Trad Musik). Er ist heute und immerdar (also bis sich die InitiatorInnen was anderes überlegen) alphabetisch gerecht eingeteilt in: FESTIVALS/KONZERTE, SESSIONS & TANZ. Viel Freude beim Stöbern – wir sehen uns?

Ihr wollt die Folk News nicht verpassen, dann meldet euch unbedingt gleich an 

Liebe Grüße, Helene, Peggy, Ronja & Wolfgang (also ungefähr die AG Ostfolk, die Palmengarten Balfolk-Session und Teile des Vereins Leipziger Liederszene)

Hat Ingeborg hier mit Freude weiterverteilt!

Wichtige Worte

Waffenstillstand. Neutralität, Autonomie, sprachliche und kulturelle Rechte, territoriale Integrität, europäischer Sicherheitspakt. Aussöhnung. Entmilitarisierung, Abrüstung, Rüstungskontrolle, Konfliktverhütung und Vertrauensbildung. Eine neue Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Deeskalation. Verhandlungen. Wandel durch Annäherung. Frieden.

Und ja, ich darf einem Gewalttäter aufs Maul geben. Die Sache ändert sich, sobald ich Aussenministerin bin, einen Schurkenstaat vor mir habe (oder hinter mir, ähem…) und die Anwendungen ein wenig komplexer werden. Moralische und strafrechtliche Eindeutigkeit in den Beziehungen zwischen Völkern, Staaten, Wirtschaftsregionen usw. sind leider sowas wie “die Wahrheit“. Es gibt sie nicht.

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