Alltags-Design II

Hier eine Seh-Hilfe vom Schwanenteich in Putbus.

Und von der Orangerie.

Ich war zum Geräuschefangen und Projektewälzen auf Rügen. Und atmen, die Augen mit Sonne putzen und die Füsse in die 2 Grad warme Ostsee versenken. Phhhh. Wie einer meiner schamanischen Lehrer immer so schön sagte: „Die gute Nachricht ist, man stirbt nicht sofort!“

Hinter der Wand, hinter der Zeit

In Schlangenlinien und Spiralen umkreise ich die Zeit. Die Nachrichten, die Vorschriften, die Meinungen, die Ängste und Entrüstungen. Führt Entrüstung eigentlich zu Ent-Rüstung, also dazu, dass ich meine Rüstung ablege? Dann wäre ja Raum und Beweglichkeit, um Impulse aufzunehmen ….

Wenn wir uns einig sind, dass das Coronavirus nicht das Thema ist, sondern ein Symptom – was ist dann das Thema? Sicher vor allem Sterben und Tod. Wir leben in Mitteleuropa und sind die meiste Zeit stolz darauf, kein magisches Weltbild zu haben wie all die anderen „primitiven Völker“ rundrum. Trotzdem ist Krankheit oder Tod für uns eine Art Unfall, ein unverständlicher und unnötiger Vorgang, an dem jemand oder etwas schuld sein muss. In Afrika ist das öfter mal die missgünstige Nachbarin, ein gelangweilter böser Geist oder eine Ahnin, die sich vernachlässigt fühlt – ev. auch der weiße Doktor. Wir hier hätten da im Angebot die ungesunde Lebensweise, die industrialisierte Welt, Mobilfunk oder Mikrowelle und natürlich Bill Gates, das Weltjudentum (heute: Die Eliten), den Feminismus, den Geist von Adolf Hitler und und und. Im Moment gibt es so unglaublich viele Schuldige, dass wirklich für alle was dabei ist.

Seit einem knappen Jahr beschäftigt mich die Frage – wie stirbt man eigentlich in diesem Land? Welche Möglichkeiten gibt es? Ist Sterbefasten erlaubt oder muss ich mir ein Multiorganversagen zulegen? Was kann ich als Sterbende, Sterbewillige oder Angehörige tun, um mit ÄrztInnen und Pflegepersonen gut zusammenzuarbeiten? Wenn es mich ins Krankenhaus oder eine Pflegeeinrichtung verschlagen hat. Aber das ZuhauseSterben ist ja wie die Hausgeburt eher nicht Standard. Immer wieder höre ich, dass Patientenverfügungen nicht gelesen werden bzw. mit den Kontaktpersonen nicht gesprochen wird. Ich selbst habe nur die besten Erfahrungen damit, als Angehörige offen auf Medizinmenschen zuzugehen und mit ihnen zu reden. Allerdings begegnet mir seit einigen Jahren an vielen Stellen zunehmend die Frage der Haftung. Wenn das Gespräch also komisch wird, dann kläre zuerst, dass du dein Gegenüber nicht in Grund und Boden klagen wirst, wenn deine Autonomiebestrebungen dich umbringen. 😉

Was bedeuten Sterben und Totsein für mich? Was brauche ich im Leben und im Sterben? Wie kann ich der eigenen Sterblichkeit lebendig begegnen? Diese Fragen können mir leider weder unsere Kanzlerin noch unser Gesundheitsminister oder sonstwer beantworten. Hm. Ein Song von Andre Heller, Nick Cave, Erika Pluhar oder Beth Gibbons könnte helfen. Oder ein Zwiegespräch mit Gott, der Göttin, meiner Katze oder meinem Klingelschild. Zeichen finden, Hinweise, Töne. Auf der Suche einen guten Weg gehen. Walk In Beauty. Aus Zweifel und Gewissheit drehe ich mir ein Halteseil. Das ist wahrscheinlich sogar besser als eine Antwort, die ja nur neue Fragen produziert.

Zum Gedenken am 27. Januar

Auch in diesem Jahr erinnern wir uns an die Opfer des Nationalsozialismus.

Und so kam es, dass sich mir ein jiddisches Lied sozusagen aufdrängte. Außerdem hatte ich Lust, ein paar Sounds einzufangen. Sodann pilgerte ich vor ein paar Tagen zum Leipziger Hauptbahnhof, wo am Bahnsteig 24 ein Denkmal daran erinnert, dass die Deportation unserer jüdischen MitbürgerInnen in aller Öffentlichkeit stattfand. Verschwörungen sind eher selten und machen viel Arbeit.

Ich kannte eine Frau, die in komplizierten Zeiten, so wie diesen, gerne sagte:“ Ach, das macht alles nix. Der 2. Weltkrieg war schlimmer.“ Die komplexe Information, ihr schwerleichter Tonfall, der gelebte Hintergrund – alles das kann ich hier geschrieben nur ungenügend wiedergeben.

Vielleicht erinnern wir uns kurz mal daran, auf welch hohem Niveau wir aktuell jammern. Da schärft sich auch das Ohr für die seltsamen Töne von „WirMüssenEinenKriegÜberleben“. Wahlweise auch für die Töne von „WirBesiegenDasVirus“. Oder „WennDann“.

Lesen, lesen, lesen

„Fernsehen bildet. Immer, wenn der Fernseher an ist, gehe ich in ein anderes Zimmer und lese.“ (Groucho Marx)

Was ich grade lese: Das schon erwähnte „Zwischen den Zeiten“ von Gunnar Decker (Jg. 1965) über die widersprüchliche Geschichte der DDR und den Emanzipationsprozess ihrer BewohnerInnen, der lange vor dem Herbst 89 begann. Von Büchern, Bildern und Theaterstücken umgeben. Ein bisschen sehne ich mich ja nach dem dumpfen Ton, der entsteht, wenn Geist und Macht zusammenprallen ……..

„Wie Frau Krause die DDR erfand“ von Kathrin Aehnlich – eine still witzige Geschichte über die Unmöglichkeit, dieses Land DDR mit der stereotypen Dreifaltigkeit „Diktatur, Mangelwirtschaft, Staatssicherheit“ restlos zu beschreiben. Und die Komik, die entsteht, wenn man es doch versucht.

„Lexikon des Unwissens“ von Kathrin Passig und Aleks Scholz über die aktuellen Wissenslücken der Menschheit. Warum und wie schnurren Katzen? Warum klebt Klebeband? Wie bekommen wir eine Erkältung (oder eben nicht)? Und was genau ist dunkle Materie? Diese und viele andere Fragen sind weit entfernt von abschließender Klärung. Genaugenommen umso weiter, je mehr Antworten wir finden.

„Die Ausnahme“ von Bo Lidegaard über die Rettung der jüdischen Bevölkerung Dänemarks durch ihre MitbürgerInnen im Oktober 1943. Im Verein mit deutschen Botschaftsbeamten, die rechtzeitig vor den Plänen der Besatzungsmacht warnten und Wehrmachtsangehörigen, die einfach nicht handelten. Im weiten Feld vor der offenen Befehlsverweigerung. Zwischen den Gärten wurden Trittleitern aufgestellt, um sich im Viertel bewegen zu können, ohne während der Ausgangssperre auf den Straßen gesehen zu werden. Hier die historischen Fakten in Kurzfassung!

Der persönliche Raum

Raum – Kontrolle – Tod

Raum. Mein persönlicher Raum. Wieviel Raum brauche ich? Wieviel Raum beanspruche ich? Wer besetzt meinen Raum? Wem muss ich Platz machen? Alles Fragen, die du dir als Frau in dieser Welt natürlich längst gestellt hast. Da kommen Beschränkungen des Raumes nicht überraschend.

Kontrolle. Er, der Herr der Welt kontrolliert natürlich alles. Nun stellt sich heraus, dass Er, der Herr der Welt, ein unsichtbares Virus nicht kontrollieren kann. Das ist bitter, zumal es ja nicht mal einen Penis hat, das Virus – ja genaugenommen nicht mal lebt. Skandal. Wer ist nun schuld an diesem Kontrollverlust?

Tod. Als bekennende Hobbyethnologin stehe ich verwundert vor der schon eine Weile raumgreifenden Idee, sterben wäre so eine Art Unfall. Erinnert mich an Reiseberichte aus dem Amazonasgebiet oder dem Kongo – von 1880 oder 1970. Die ach so primitiven Menschen, die glauben, Krankheit und Tod werden von bösen Geistern oder missgünstigen Verwandten verursacht. Wir müssen gerettet werden. Ich dachte immer, unser Herr Jesus Christus hat das schon erledigt. Hm. Fragen über Fragen.

Schnee und Blitz

Wintergewitter. So seltsam. Platz zum Denken.

aus LaoTse Taoteking XXI

Wesen / unsichtbar / ungreifbar /

Beschließt alle Dinge.

Wesen / undeutbar / unbestimmbar /

Wirkt Werdung aller Dinge.

Wesen / untrennbar / unverbindbar /

Schafft Formung aller Dinge.

Seine Leere ermöglicht Innen Halt.

Innen Halt erzeugt Inhalt.

Berliner Fundstücke

Lebensgefühl. Bilder. Geschichten. Wir sollten sie sammeln. Könnte noch mal wichtig werden – oder Minimum interessant.

Berliner Schaufenster vom letzten Wochenende.

Ein großartiges Buch, um zu verstehen, wie lange vorher es schon 19 Uhr 89 war. Und wie wenig das eigentliche Ziel mit dem zu tun hatte, was wir erreicht haben.

100 Jahre vor meiner Geburt gründete sie den Leipziger Frauenbildungsverein und den Allgemeinen Deutschen Frauenverein. Luise Otto-Peters (ja, so alt ist der Doppelname schon ….)!

Runterkommen

Ich habe mir wieder mal etwas NachrichtenUndAussenwelt – Detox verordnet. Vor ein paar Tagen las ich die interessante These, dass unsere derzeitigen Bewegungseinschränkungen ja denen, die wir geflüchteten Menschen zumuten, durchaus ähneln. Residenzpflicht, Arbeitsverbot, von Sicherheitskräften in der Unterkunft bewacht …. Ist das jetzt so eine Art angewandtes Empathietraining?

Und mein Satz von 1990 tauchte wieder auf, mit dem ich den neugewonnenen KollegInnen aus Westdeutschland meinen Gemütszustand zu bebildern versuchte: „Ich fühle mich wie eine Emigrantin im eigenen Land.“ Bei genauerem Hinsehen stelle ich fest, dass mich der Exilgedanke und ein gewisses Unbehaustsein in den letzten 30 Jahren eigentlich nie verlassen hat. Und die 15 Jahre davor die allgegenwärtige Bedrohung des atomaren Wettrüstens zweier wildgewordener Supermächte mich/ uns untergründig (oder alltäglich) beanspruchte und beschäftigte. Trotzdem habe ich von Schönheit, Glück und Reichtum erfüllt gelebt. Und in den 10 Jahren davor verstand ich noch nicht, was Unbarmherzigkeit, Gier und Schwanzvergleiche sind. In gewisser Hinsicht hält mein sonniges Gemüt es immer noch für eine Art Ausnahme. Einen Irrtum, der darauf basiert, dass die betreffende Person nicht weiß, was sie stattdessen tun könnte.

Also „come down“ statt „lockdown“. Was finde ich auf dem Boden der Tatsachen?

Neue Kulturräume träumen!

Letzte Nacht träumte ich, dass ich gemeinsam mit jungen Menschen ein Veranstaltungs- und Probehaus, einen Ort für musikalische Kreativität und Tanz, aufbaue. Es war eine Art ehemaliges Tagungszentrum, wo vorher Wirtschaft und Industrie große Treffen, Messen usw. abgehalten hatten. Danach stand es wohl eine Weile leer, weil es die Wirtschaft nicht mehr gab …. oder so. Wir nahmen alles in Besitz, machten das Beste aus dem Zustand, reparierten wo nötig, putzten die vergammelten Klos. Wie vor 30 Jahren. (Und vorher in der DDR natürlich auch schon, unsere Proberäume wurden ja nicht mal mehr als Ausbauwohnungen vergeben ….) Und irgendwie wohnten wir auch alle da. So wie damals in den Fabriketagen in New York oder Westberlin. Von dem Haus nebenan hatte ich ein paar Nächte zuvor schon geträumt, da hatten sich befreundete SchauspielerInnen eingenistet. Noch während ich träumte, dachte ich: oh wie schön, alles wird neu, wir träumen die Welt um und wir räumen sie um und neben mir, mit mir sind junge Menschen, die Lust haben, Mut haben und Zuversicht und Kraft. Ich bin nicht allein.

Ja.