Unterwegs im Nirgendwo

„At the respective end of my realities, Goddess, you dreamed me anew.
Am jeweiligen Ende meiner Wirklichkeiten, Göttin, träumtest du mich neu.“
Alba J.

Was ich grade höre: Adam Bałdych Quintet , von seinem neuen Album „Poetry“. Ein junger polnischer Geiger.

Und Zbigniew Seifert. Auch ein polnischer Geiger, leider viel zu früh gestorben.

Ich schnuppere Berliner Luft, fange Töne an der Mauergedenkstätte und denke nach.

embrace the darkness!

Abseits von Hellotralala und wirklich gruseligen Plastik-Riesenspinnen in Vorgärten gibt es ja noch Samhain und den energetisch tiefsten Punkt im Jahr, weswegen gestern auch für manche Menschen Neujahr war. Ich habe gestern und vorgestern meine aktuellen Plätze besucht und siehe da, ich gehe in den Wald an einer Stelle, wo ich sonst herauskomme. Da ist auf einmal ein Schild. Was ich sonst nicht sehe, weil raus ist nicht dasselbe wie rein. (Ein Plädoyer für: Geh den Weg zurück den du gekommen bist, du findest völlig neue Orte.)

Naja. Was steht auf dem Schild: Am Höllenberg. Na prima, denk ich – die Hel, die Holle ( die Hölle), die Unterweltsgöttin zeigt dir sogar ein Schild! Ich hatte den Eindruck, dass in diesem Jahr ganz besonders viele Menschen ganz besonders stark spüren, wie die Grenzen zwischen den Welten dünn werden und unsere Ahnen, die Geister, ansprechbar und anwesend sind. Die Männer und Frauen die vor uns gelebt haben. Gearbeitet, geliebt, gestritten, gekämpft und einen Garten bestellt haben. Vielleicht dachten sie an uns, ihre Ur-Ur-Ur-Enkel!innen, vielleicht nicht. Ich lese grade „Kulturschock Madagaskar“. Immer wenn ich wo lese, dass der Animismus, die Ahnenverehrung, der Göttinnenkult oder was auch immer den Fortschritt verhindern, denke ich, hm, ist das jetzt gut oder schlecht?

Die Angehörigen der Six Nations, der großen Irokesennation und die Aborigines in Australien behaupten, wir müssten bis in die 7. Generation denken, wenn wir heute Entscheidungen treffen. Dazu ist nun weder der Turbokapitalismus, noch das Patriarchat oder der Neoliberalismus in der Lage. Ich fürchte, wir werden sie alle drei abschaffen müssen. Für den Anfang würde es reichen, ihnen unsere Unterstützung zu entziehen.

Mich erstaunt der quasi religiöse, ja fast fundamentalistische Umgang mit dem Impfstatus. Der Impfpass ist doch kein Kreuz, Weihwasserkessel oder Grigri, was man hochhält und dann verziehen sich die Dämonen. Entscheidend ist wie gut ich immunisiert bin. Nüchtern betrachtet kann dein Immunstatus „von Natur aus“ sehr gut sein oder trotz Impfung eher nicht so gut. Und alles mögliche dazwischen. Unsere individuelle Ausstattung ist verschieden, das gehört leider zu den oftmals bitteren Ungerechtigkeiten des Lebens. Schlechte Zähne haben nicht immer mit mangelnder Mundhygiene zu tun. Naja. Ich bin mir sicher, dass im Hintergrund gute Menschen acht Stunden am Tag fleißig daran arbeiten, belastbare Aussagen darüber zu bekommen, wieviele Antikörper, T-Zellen und was auch immer im Blut sein müssen, damit das/ ein Virus nicht überbordet. Und wie eine Test-Infrastruktur aussehen könnte. Und was wir alles noch für Studien brauchen, um besser zu verstehen. Die nächste Krise überlassen wir bitte nicht den Politiker!nnen, Journalist!nnen oder wer sonst am meisten brüllt.


Wie dichtete einst der Wecker: „Es sind nicht immer die Lauten stark, nur weil sie lautstark sind.“


Das eigentliche Problem ist doch, dass die Menschheit munter Wildtiere und ihre Lebensräume abmurkst und zerstört und also auch die Viren ihre Heimat verlieren. Demnächst taut ja der sibirische Permafrostboden – was dann klimagewandelt zum Vorschein kommt, möchte ich persönlich nicht so genau wissen. DAS sind die Konsequenzen, die wir tragen müssen.

Das Hören und Sehen soll mir nicht vergehen – vom Fürchten lernen will ich mich entfernen

Das kommt heraus, wenn sich die Angehörigen der künstlerischen Berufe mit Buchhaltung und Abschreibungen beschäftigen. Phhhh. Nun, reimen ist nicht die schlechteste Form, Wirklichkeit zu erschaffen. Vor paar Tagen saß ich mit Andreas Reimann, um Gemeinsames für 2022 zu planen und uns damit noch einmal zusammen auf eine Bühne zu hebeln. Da ist einer seit 60 Jahren mit äußerster Genauigkeit dabei, eine/ seine/ andere Wirklichkeit zu erschaffen bzw. neu zu beschreiben und zu beleuchten. Das lange Veröffentlichungsverbot in der DDR zwang ihn darüber hinaus, sich in der Zeitlosigkeit zu bewegen. So ist das meiste, was er je geschrieben hat, immer noch aktuell. Und bleibt es wohl auch. Wie hilfreich doch Zensur und Verbot wirken können. Ja, nicht bei allen, ich weiß.

Aber zurück zum Hören: im Moment Ulrike Haage, Erika Pluhar und Sabarmusik aus dem Senegal. Sehen: „Bilderbücher“ über die Göttinnentempel auf Malta und die Muldeklippen (in echt).

Am Rande des Lichtfestes in Leipzig

Beim StattLichtfest tauchte ein Flugblatt von 89 wieder auf, was ich fast vergessen hatte. Ob das „Lichtfest“ als Veranstaltung die Deutungshoheit über den 9. Oktober 1989 haben kann/ darf/ soll/ muss, ist sicher mit einem klaren NEIN zu beantworten – schlüge das doch allen Ideen und Taten von 89 direkt ins Gesicht. Es ging ja grade eben nicht um „von oben“ organisierte Ereignisse. „Ach komm ruhig rein!“, rief eine Freundin (aktiv im Neuen Forum) 1989 im September/ Oktober. „Wir schauen uns grad im ZDF an, was wir morgen machen werden!“ No comment.

Das Flugblatt vom 9. Oktober 1989 – erstmals taucht der Slogan auf: „Wir sind ein Volk!“ Der Hintergrund ist aber nicht der Wunsch nach Wiedervereinigung mit der BRD, sondern die Bitte um Friedfertigkeit in den eigenen Reihen und die Aufforderung an die Einsatzkräfte (Volkspolizei, BePo, Kampfgruppen usw.), sich jeder Gewalt zu enthalten. Die Idee war, dass wir alle lange nachfolgende Wunden/ Traumata davontragen werden, wenn wir uns darauf einlassen, um einer Sache willen zu töten, zu sterben oder beides.

Ich persönlich bin froh, weder das eine noch das andere und auch nicht beides erlebt zu haben. „Gewalt kann nicht das Zeichen einer neuen, besseren Gesellschaft sein.“ Wieviel Spott auch immer über die friedliche Revolution 1989 ausgeschüttet wurde. Wie oft habe ich in den letzten 30 Jahren gehört, ja das war doch gar keine Revolution, da is ja kein Blut geflossen und überhaupt. Ich weiss dann immer nicht, ob die Menschen die so sprechen, auch wissen, dass ihre Wünsche in Erfüllung gehen könnten. Dona nobis Pacem.

Ich stehe mit einem Aktivisten von 89 auf dem Augustusplatz zusammen, wir reden und frotzeln herum. Er sagt: „Als mein Nachbar anfing auf die Demos zu gehen, da wusste ich, es ist vorbei.“ Der Zeit voraus zu sein, ist wunderbar und lobenswert, aber eben oft nicht befriedigend.

Ich hatte dem StattLichtfest meine Gedenkmusik für den 9. Oktober 1989 zur Verfügung gestellt und es war mir eine Freude, meine Musik am 9. Oktober 2021 auf dem Nikolaikirchhof und dem Augustusplatz zu hören. Es gab einen Lautsprecher auf einem Fahradanhänger. So gefällt mir das. Mehr dezentrale Aktionen bitte. Hier noch mal zum Hören auf Soundcloud.

An der Elbe

WLAN-Zugänge haben ihre ganz eigenen Herausforderungen. Hier muss ich in den Hotspot (ohne Anmeldung), dann versteht der Gastzugang wer ich bin und es geht so halbwegs. Die Moral von der Geschicht, wirb mit deinem WLAN nicht. Nun, mein Tag begann heute unterwegs an der Elbe, Frühstück unterwegs mit Äpfeln und Walnüssen, fünf Katzen auf der Jagd, die mich seltsam fanden und Menschen mit Fahrrädern, die alle ein Ziel hatten. Besser gehts ja nicht. Dann noch über einen der Treppen-Zugänge auf den Berg zum Meißner Dom und später kommt die Sonne wieder, wie heute früh schon, obwohl es ganztägig bewölkt sein soll.

Am Porzellanmuseum Meißen

Aus der Hüfte geschossen

Gestern bei einer Künstlerfreundin im Atelier – auf die Frage, ob denn meine Kurse wieder begonnen hätten, antworte ich ohne nachzudenken: „Ich mache keine Kurse mehr, ich mache jetzt nur noch Kunst.“ Tanja und Corinna fallen buchstäblich vor Lachen fast vom Hocker. Und meinen, das wäre ne super Postkarte! Ich mach mir erstmal eine Sprachnotiz, für soviel Schlagfertigkeit habe ich noch keinen Ordner im Zentralrechner.

Heute auf Recherche und Töne fangen. Und siehe da, gleich gibts was fürs Zirkuskind!

Splitternde Gedanken

Der Specht

Wie ward Dir Specht, so große Kraft!
Von Deinem Klopfen tönt der ganze Schaft
der hohlen Kiefer. Wär auch mir vergönnt,
daß ich die Menschen so durchdringen könnt.

Christian Morgenstern (1871 – 1914)

Im Garten ein eifriger junger Buntspecht, nichts holziges ist vor ihm sicher. Mein Artemisia-Busch gefällt ihm auch. Zwischendurch macht er die Schnarrtöne, die bei den Spechten als Sprache durchgehen. Nein, das klopfen und trommeln ist nicht ihre Sprache. Jedenfalls nicht nur. Was wissen wir schon.

Morgenstern starb bei Beginn des 1. Weltkriegs an Tuberkulose, meine Großmutter mochte ihn, wohl auch als Anthroposophen. „Wir fanden einen Pfad.“ Ja, da gibts noch mehr als die Galgenlieder! Ihr Bruder, mein Großonkel, Student der Theologie in Jena, starb in den letzten Tagen eines Krieges, zu dem er sich freiwillig gemeldet hatte. Meine Großmutter und ihre Freundinnen hungerten, weil die Soldaten an der Front ja auch litten. Die Goldabgabe für den Krieg, die Uhrkette meines Urgroßvaters, von der nur einige (die kleinsten) Kettenglieder übrig blieben.

Stadtmuseum Trier

Eine komplett durchmilitarisierte Gesellschaft. Können wir uns kaum mehr vorstellen. (Und nein, Deutschland war da nicht alleine.) Und alles mit juchheissa. Karl Liebknecht und die Kriegskredite. Er war nicht nur der einzige SPD-Abgeordnete, sondern überhaupt der einzige Reichstagsabgeordnete, der dagegen stimmte. Es ist sicher nicht falsch zu glauben, dass dieser Krieg ohne Geld nicht stattgefunden hätte ….

Gab es irgendwann in der jüngeren deutschen Geschichte mal eine Ordnung, in der die Menschen ohne Macht nicht wie Kinder behandelt wurden? Ich merke, wie ich derzeit immer mal Lust bekomme, zu pubertieren. Es fällt mir schon schwer, bei meiner erwachsenen Frau zu bleiben angesichts von Beschimpfungen, Drohungen, Erpressung und Manipulation rundum. Wie soll ich die Demokratie in meinem Herzen bewahren? Und wie soll ich sie im Außen erhalten, wenn es mir im Innen schon nicht gelingt? Sicher, auch dumme Menschen dürfen leben. Aber dürfen sie auch Macht haben? Oder im Netz herumschlurpsen? Wie toxisch darf ich mich benehmen, bis die Krankenkassen sagen: das zahlen wir jetzt aber nicht, für die Konsequenzen deines Handelns kommst du mal schön selber auf. Und die Solidargemeinschaft ruft, ja, ja, ja, alle Männer zahlen ab sofort die doppelten Versicherungsbeiträge, weil sie alle unmittelbar oder mittelbar in Gewaltstrukturen von pandemischen Ausmaßen verwickelt sind und es doch nur gerechtfertigt ist, wenn sie für die Schäden, die diese Gewalt verursacht, seien sie physisch oder psychisch, selbst aufkommen, zahlen, verantwortlich, verbrüdert ….. Na das sollte mal jemand im Ernst vorschlagen, da wär aber was los. Dass Menschen mit vermeidbaren Krankheiten zur Kasse gebeten werden könnten sollen dürfen, darf man aber zur Diskussion stellen. Allerdings möchte das Menschenbild, was am Grunde dieser Konstruktion lauert, wohl niemand haben. Da könnte ich ja nicht mehr schlafen. Obwohl ….. ?

Und das Land aus dem ich komme. Noch der unschuldigste Ausdruck eigener Gedanken und Gefühle konnte als staatsfeindliche Hetze erkannt und verfolgt werden. Die Jugendwerkhöfe waren voll von jungen Menschen deren einziges Verbrechen eine nicht ganz gelungene und unauffällige Pubertät war. Und die niemand beschützte.

Eine iranische Künstler-Kollegin sagt mir, dass die Frauen im Iran nur im Chor singen dürfen, nicht Solo. Ah, sag ich. Und wo im Koran steht das? Das steht da nicht, sagt sie. Das sagen halt die Mullahs. Ah ja.

Noch mal Morgenstern.

Sieh nicht, was andre tun,
der andern sind so viel,
du kommst nur in ein Spiel,
das nimmermehr wird ruhn.

Geh einfach Gottes Pfad,
laß nichts sonst Führer sein,
so gehst du recht und grad,
und gingst du ganz allein.




Verlange nichts von irgendwem,
laß jedermann sein Wesen,
du bist von irgendwelcher Fehm
zum Richter nicht erlesen.

Tu still dein Werk und gib der Welt
allein von deinem Frieden,
und hab dein Sach auf nichts gestellt
und niemanden hienieden.

Was macht man am Wahlsonntag

Außer wählen natürlich. Mein Wahllokal ist so hässlich, dass ich da immer ganz schnell wieder raus muss. Schön mit der Gefährtin frühstücken, eine Freundin besuchen, herumlaufen, den Schlachtgesängen der Lok-Fans lauschen, auf Balkonien lümmeln. Etwas nachdenken über Fundamentalismus, moralische Überlegenheit und Rechthaberei. Über Selbstehrlichkeit und die Demokratie im eigenen Herzen.

Hier ein erster Schnipsel unserer LichtKlangInstallation zur Open Art Lausitz. Mir begegnete dieses Jahr zum ersten Mal der Begriff „künstlerische Intervention“. Ob’s den schon länger gibt, keine Ahnung – informier mich, wenn du es weisst. Meine verehrte Gesangsprofessorin Gloria Kolbach sagte immer gerne: „Künstler sind die Seismographen der Gesellschaft.“ Das war so ca. 1988.

„Künstler erforschen Prozesse, hinterfragen Routinen, wechseln Sichtweisen und regen Innovationen an – im privatwirtschaftlichen Umfeld und im öffentlichen Sektor: in Unternehmen, Verbänden, Politik, Verwaltung, Stiftungen, Bildung und Zivilgesellschaft. Sie verfolgen dabei eine konkrete Fragestellung, geben Impulse und Perspektivwechsel für Veränderungen und Neuerungen.“ (so sagt eine Definition aus dem Netz 2021)

Na dann, auf geht’s. Ach so , die Künstlerinnen sind natürlich mitgemeint. Hoffe ich. 😎

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