So langsam ziehe ich mich wieder heraus aus dem tiefen Grün. Zuhause wartet mein Soloalbum, Bilder sind zu bearbeiten, und ja die Steuererklärung und mich immer wieder lange genug öffnen, damit eine Melodie ein Text ein Bild ein Wort zu mir durchkommen können. Das nennt sich Kreativität, glaub ich. Eher ein Zulassen.
Wie lang und dunkel der Schatten war, über den du jedes Mal gesprungen bist, wenn du mir nahe sein wolltest – was weiss ich denn schon. Danke.
Habe geduscht, Haare gewaschen, Kopf und Körper eingeölt, gewartet bis das Öl eingezogen ist. Dann eine kleine Runde gefahren und den Tälerpilgerweg/ Pillingsdorf entdeckt. Erst vorgestern ging mir auf, dass ich nur 10 Kilometer von Delias Geburts-, Kinder- und Jugendort entfernt bin. Nun sitze ich im McDonalds im Autohof Hermsdorf – hier gibt es 3 Stunden Internet für lau, äh für meine Daten, und vor allem Strom für mein armes altes iPad. Und MangoAnanasSmoothie. Zum Weinen ist mir nicht, ich habe vor 24 Jahren allerdings viel geweint. Um mich, um sie und eine grosse Liebe. War gut, jetzt die paar Tage in grüner Einsamkeit zu verbringen, den Bildern zu erlauben, zu kommen und zu gehen, zu träumen und zu trauern und die Lehren zu empfangen, die der Tod immer dabei hat. Alter Schmerz ist nur dann Teil meiner Identität, wenn ich ihn einlade, es zu sein. In jedem Moment der Zeit kann ich neu anfangen.
Auf in die Gegenwart, das lebendige Jetzt und die Musik von morgen!
Am nächsten Wochenende spiele ich mit meinem alten Weggefährten, dem Lyriker und Textautor Andreas Reimann in Wurzen zum Ringelnatzsommer – zwei (verschiedenene!) Lesungen mit Musik am Samstag, 6.8. um 15.00 und am Samstag, 6.8. um 17.00 – ich freue mich sehr darauf! Im vorigen Jahr saß ich da so rum, dachte über mein Bühnenjubiläum nach und sah vor mir, wie wir uns auf seiner Beerdigung wiedersehen, er die Augenbraue hochzieht und fragt, warum wir nun eigentlich in diesem Leben nix mehr zusammen gemacht haben. Flugs schrieb ich eine Mail, die erfreut beantwortet wurde und: da sind wir!
Ingeborg Freytag – Foto von Eckhard IschebeckAndreas Reimann
Und am Sonntag, dem 7.8. präsentieren Maria Schüritz und ich unser Livehörspiel „Zwischenwelten“ zum Knallbrausefestival in Leipzig. Das Festival läuft von Donnerstag bis Sonntag und wir haben die Ehre und das Vergnügen, das ganze mit unserem maximal energetisch komprimierten Mix aus Instant Compositions, Texten und festen Songstrukturen krönend abzuschließen. Das Festival wird organisiert vom Ensemble Jedermensch, schöne und sehr empfehlenswerte Initiative.
Heimgekehrt vom superschönen und anstrengenden Rudolstadtfestival und unserer kleinen HummingTreesOstseeKurzTournee war ich inzwischen schon wieder Gast bei Maria‘s neuem Album und habe auch meine Rahmentrommelübungen wieder aufgenommen.
Am 2. August werde ich ein Live-Solo-Album einspielen. Am Abend findet die Abschiedsfeier für meine ehemalige Gefährtin Delia statt. Und ausserdem habe ich Geburtstag. Was das Leben so manchmal veranstaltet. Das gibts in keinem Russenfilm. Das Gute ist, ich habe keine Zeit für Krieg und andere Dummheiten. Das Thema mit dem grossen C macht auch nicht kreativ, jedenfalls nicht in grösseren Zusammenhängen. Ham wer in der DDR immer versucht zu vermeiden, das sich Reinziehenlassen in das tagespolitische KleinKlein. Das KleinKlein der grössten DDR der Welt, phhh. “SchwarzRotGold ist das System, morgen wird es untergehn!“ Hätten wir es mal richtig gemacht. Ich bin trotzdem unendlich dankbar für diese radikale Demokratieerfahrung und den grossen Aufbruch, mit dem wir unser Land verändern wollten. Zumindest bis zur Maueröffnung. Alles schien möglich und ich denke, so war es auch. Alles war möglich. Ich denke, wir sollten Mut fassen. Es muss doch möglich sein, den 273 Männern, denen wir aus Versehen diesen Planeten überlassen haben, denselben wieder wegzunehmen. Oder?
Mich beschäftigen die Möglichkeiten oder auch Unmöglichkeiten, mich zu beteiligen an dem was geschieht. In a good way. Wenn ein Song die Wahrnehmung verändert, verändert er die Welt. Das ist wohl so. Auch wenn viele was anderes behaupten und/ oder glauben.
Foto von Eckhart Ischebeck
„Im Schatten der Zeit – unserer Zeit – leben wir Menschen. Alle. Jeder im Schatten der seinen. Sich dessen bewusst zu werden und herauszufinden, wie und wo man in der Lage sein könnte, oder sein müsste, diesen Schatten aufzuheben, um in das Licht des Erkennens, gar der Erkenntnis zu geraten, will mir als eine der Sinnhaftigkeiten unseres Erdenlebens erscheinen. Aber auch als eine, die wir gern und zu allen Zeiten mit Gedankenlosigkeit zuschütten.“ Erika Pluhar (Schauspielerin, Sängerin, Autorin)
Wo ist ein Bob Dylan, eine Joan Baez, wo ist ein Willy Brandt, ein Stanislaw Petrow, wo sind die, die zum Frieden raten und Frieden stiften, vom Frieden singen und uns erinnern.
„Wo sind sie geblieben, was denken sie heute, die da schworen vor 40 Jahrn: Nie wieder fassen wir Waffen an, lieber trocken Brot unser Leben lang.“ Das schrieb ich als Text (und Musik) in einen Song 1989, nachdem ein junger Mann bei einem Manöver mitten im „Frieden“ von einem Panzer überrollt wurde und starb. Ach eigentlich will ich nicht mehr reden. Zumindest heute nicht. Morgen fahre ich zum Rudolstadtfestival. MusikMusikMusikMusik. Auch da werden sich Fenster öffnen. Ja.
Es hat natürlich auch ein Datum. Am 7. 7. 1972, mit 6 Jahren und 11 Monaten, hatte ich meinen ersten großen Auftritt als Solistin, beim Pressefest in Gera. Pressefeste waren alljährlich stattfindende und für damalige Verhältnisse gigantische Freiluftveranstaltungen mit vielen KünstlerInnen und den damals noch üblichen großen Orchestern bzw. Bigbands. Ich stehe da mit dem „Großen Unterhaltungsorchester Halle“ unter Erich Donnerhack. Er war selbst Geiger und gründete nach dem Krieg und seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft zunächst in Leipzig das „Rundfunk-Unterhaltungs-Orchester Erich Donnerhack“, in dessen Konzerten z.B. Heinz Quermann, Lutz Jahoda und Fred Frohberg ihre Karriere begannen.
Mein Vater Wolfgang war von 1967 bis 1970 Solobratscher bei Donnerhack im Hallenser Orchester. So gab es den Kontakt und er schlug der Konzert- und Gastspieldirektion Gera (der staatlichen Künstlervermittlung) meinen Auftritt vor.
Natürlich (!) war ich gebrieft, dass das natürlich (!) trotz der Country-Attitüde kein „Cowboylied“ ist, wie ich es dem Redakteur der Zeitung „Volkswacht“ sagte (von wegen westlicher Kultur und Dekadenz). Aber ich war ja noch nicht mal sieben und so gab es nur einen kurzen und folgenlosen Wirbel deswegen. Ach ja, das waren Zeiten.
Eins meiner Lieblingsstücke aus diesen Tagen ist das Andantino aus „Bilder der Kindheit“ des sowjetisch-armenischen Komponisten Aram Chatschaturjan. Das ist der mit dem Säbeltanz (aus dem Ballett „Gayaneh“). Gabs dann später nochmal in Kubricks „Odyssee im Weltraum“. Vielleicht wurzelt meine Verbundenheit mit der Musik des Kaukasus in diesem Klavierstück von einem Mann, der selbst mit georgischer, armenischer und aserbaidschanischer Musik aufwuchs. Wer weiß. Die Formalismus-Anklage (antisowjetische Tendenzen in seinen Kompositionen) blieb ihm nicht erspart. Die Leute, die ihm (und Schostakowitsch und Prokowjew und und) das vorgeworfen haben, sind heute zu Recht vergessen.
Kürzlich durfte Schostakowitschs „Leningrader Sinfonie“ nicht aufgeführt werden. Musik von einem Russen. Phhhh. Grade denke ich, ob Vergessen nicht auch eine gute Strategie ist. Davor haben die Kriegstreiber, Spalter, Todessüchtigen und Machtbesessenen dieses Planeten mit Sicherheit die meiste Angst. Dass sich niemand ihrer erinnern wird.
Aus meiner Sicht hat das mit der großen künstlerischen Laufbahn durchaus funktioniert. Ich habe soviel gemacht in den letzten 50 Jahren, wenn ich drüber nachdenke, kann ich es selbst kaum glauben.
Am 7. 7. 2022 reise ich zum Rudolstadtfestival, gebe am 8. einen Bodymusic-Workshop und spiele das ganze Wochenende mit der Folkstanzjubelband zum Tanz. Neben unfassbar vielen anderen Projekten, die rund um dieses Datum auch eine Rolle hätten spielen können, finde ich die Auswahl, die das Schicksal für mich getroffen hat, absolut angemessen.
Und aus der Rubrik „Musik und Politik“ – Ingeborg und die FRIEDENSSTATUE.
Heute oder morgen. Und sie geschehen wirklich. Mein Kollege Franz hatte gestern seine Kontrabassbögen im Futteral vor der Abfahrt aufs Autodach gelegt. So ein Autodach ist tückisch. Jedenfalls kamen die Bögen nicht mit ihm am Ziel an, sondern fielen vorher herunter. Er fuhr danach die Strecke viele Male ab. Nix.
Heute ging seine Gefährtin noch mal los und fand die Finderin der Bögen. The Humming Trees hatten ja gestern Konzert und Jörg und ich hatten schon erklärt, dass die Bögen zurückkommen. Niemand kann damit wirklich was anfangen. Jeder, der das Gefundene verkaufen will, steht vor dem Problem wie wo wann. Wir spielten schöne zwei Stunden Musik und vergaßen alles. Ich rief meine liebste Göttin. Beten hilft. Aussichtslose Situationen werden vielleicht nicht sofort bearbeitet. Damit muss man rechnen. Aber manchmal gehts auch fix. In diesem Sinne: Es gibt eine zweite dritte vierte Ebene, die sich unserer Manipulation entzieht. Punkt.
… einem kleinen, wachsenden, sehr ambitionierten Radiosender in Markkleeberg. Hier zum Nachhören eine Stunde Musik (in voller Länge gespielte Titel!) und Hintergründe/ Phiosophie/ Geplauder mit Jörg und mir.
Schön war es gestern im Lindensaal zu Markkleeberg. Viel Folkstanzvolk hatte sich versammelt, um gemeinsam tanzend 40 Jahre Tanzgruppe “Kreuz & Square“ zu feiern. Natürlich mit unserer eigens gegründeten Folkstanzjubelband. Schon zur Probe am Nachmittag floss mir der Schweiss in Bächen vor Konzentration, die Hitze tat ein übriges. Irgendwie konnte ich die Schönheit des Abends erst am Ende richtig schätzen, nachdem es gelungen war, den Karren ohne grössere Radbrüche durch die Stücke zu lenken. Wir haben halt als Band keine Routine, im musikalischen Miteinander nicht, im Deuten unserer Zeichen und Signale nicht, im Austausch mit der Tanzmeisterin nicht und als Tanzbegleitung eben auch nicht. Hat höchstwahrscheinlich ausser mir niemand gemerkt 😉
Eva Sollich war da, die grosse alte Dame der DDR- Volkstanzszene, sie schenkte uns einen Strauss Rosen, bewegende Worte und eine Dankeskarte. Ja, ich bin gerne Teil dieser Tradition. Meine Grossmutter schrieb Musiken für Volkstänze, mein Vater tanzte als Junge in einer Gruppe und folgerichtig hab ich dann meine deutsche Herkunft bei den Bierfiedlern und den Leipziger Folksessions bearbeitet. Ich fand das hilfreich für die weitere künstlerische Auseinandersetzung mit aussereuropäischen Kulturen.
Soweit ich hörte, bin ich gestern vor allem als Sängerin angekommen. War wohl für viele eine Überraschung. Vielleicht sollte ich diesen Teil meiner Möglichkeiten etwas offensiver präsentieren. Mal schauen.
Patti Smith „Just Kids“ – die Geschichte der Freundschaft/ Liebe/ künstlerischen Partnerschaft zu/ mit Robert Mapplethorpe. Ihr Leben als sehr junge Frau im New York der 60er und 70er. Wie sie zu schreiben begann und (den singenden Dichter Jim Morrison als Inspiration) eine Sängerin und Rockmusikerin wurde.
Texte von Audre Lorde „Vertrauen, Kraft und Widerstand“ (herausgegeben von AnochK Ibacka Valiente) – „Liebe zwischen Frauen ist besonders und kraftvoll, denn wir mussten lieben, um leben zu können. Liebe ist unser Überleben gewesen.“
Ulrike Guérot „Wer schweigt, stimmt zu“ – grade wollte ich es kaufen, schwups bekomm ich es geschenkt. Ein paar kluge Gedanken über unseren Umgang mit vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Krisen. Dass man eine Frau im öffentlich-rechtlichen Fernsehen niederreden darf wie in der allerletzten RTL-Mobbing-Sendung dürfte doch einige ZuschauerInnen ermuntert haben, sich dafür zu interessieren, was Ulrike Guérot zu sagen hat, wenn sie niemand ständig unterbricht.
Bianca Ely (Hg.) „Wie war das für euch? Die 3te Generation Ost im Gespräch mit ihren Eltern“ – die Jahrgänge der 1975-1985 in der DDR Geborenen fragen nach, wollen wissen, was das für ein Land war und wie man darin lebte. Ein Plädoyer für mehr Gespräche zwischen den Generationen. Herkunft, Wurzeln, Sozialisation und die Zwischenräume, das nicht Fassbare, das „was rumort“ spielen eine Rolle für das Leben im Hier und Jetzt. Wenn die Erwachsenen in einer Umbruchsituation/ in einer Krise überfordert, abwesend und sprachlos waren/ sind, ist das verständlich. Es sollte nur nicht bis in alle Ewigkeit selbstverständliche Normalität sein.
Wäre gut, wenn wir zügig beginnen würden, die Folgen der pandemisch inspirierten Maßnahmen, Ereignisse und Verwerfungen in Politik und Gesellschaft entsprechend offenzulegen und aufzuarbeiten.
Schild an einem Gartenzaun in Ostdeutschland 2022
Und: Thomas Oberender „Empowerment Ost“!
„Thomas Oberender legt die verblüffende Andersartigkeit der Wahrnehmung unserer jüngeren Geschichte in Ost und Westdeutschland offen. Er analysiert den sogenannten »Aufbau Ost« und beschreibt die Revolution der ostdeutschen Bürgerbewegung als eine radikale Demokratieerfahrung, frappierend visionär und realistisch zugleich. Ein Vorläufer des politischen Aktivismus von heute. Empowerment Ost ist ein Kompass für eine Wiedervereinigung auf Augenhöhe und ein begeisternder Aufruf für die Möglichkeit einer anderen Zivilgesellschaft.“